Die Eltern bekommen einen Anruf: Einer ihrer Söhne ist gestorben. Eine Welt bricht zusammen. Doch was für eine Welt? Und was wird nun? Tree of Life ist kein einfacher Film. Er stellt die ganz großen Fragen und lässt dem Zuschauer viel Zeit, darüber nachzudenken. Wo kommen wir her? Wo gehen wir hin? Und wieso machen wir uns das Leben so kompliziert? Meisterregisseur Terrence Malick hat sich damit auseinandergesetzt.
Alles wird kompliziert
Tree of Life zeigt die Welt in 3 Phasen, die trotz ihrer zeitlichen Trennung miteinander verbunden sind. Zunächst ist dies der Ursprung allen Seins, die Entstehung der Welt, des Lebens. Ein Chaos in prächtiger Schönheit. Wir sehen Minuten lang die Entwicklung vom Urknall, von den Vulkanlandschaften der frühen Erdgeschichte bis zur Entwicklung des Lebens in den Meeren und die Gewinnung des Festlandes durch die ersten Dinosaurier. Natur pur, sozusagen.
Es folgt die Geburt und das Aufwachsen von Jack O’Brien (Hunter McCracken) in der harmonischen Kulisse des mittleren Westens in den 50er Jahren. Worte sind nicht wichtig, die Faszination für die Welt und das Leben steht im Vordergrund. Stets präsent ist seine feengleiche Mutter (Jessica Chastain), voller Liebe und Geborgenheit. Es sind glückliche Erinnerungen.
Mit dem Alter wächst die Verantwortung. Der Vater (Brad Pitt) nimmt eine immer größere Rolle ein. Er ist Lehrmeister der drei Söhne, will sie auf das Leben vorbereiten. Bringt ihnen bei, wie sie sich zu verhalten haben. Sagt ihnen, sie müssen hart sein, bringt ihnen den Boxkampf und die Musik nahe. Er selbst wollte immer Musiker werden, hat es aber selbst im Leben scheinbar zu nichts gebracht. Am Ende verliert er seine Arbeit. Wie sagt man seinem Kind, es könne alles erreichen, wenn man selbst kein Vorbild sein kann?
Beim Schwimmen stirbt ein Junge und Jack fragt seinen Vater: „Müssen wir alle sterben?“ Jack lernt: Darüber spricht man nicht. Weil es keine Antworten gibt? Die Welt wird komplizierter, die Regeln des Vaters und der Gesellschaft werden in Frage gestellt. Die Eltern sind nicht mehr nur das, sie sind Menschen wie alle anderen auch. „Er ist ein Lügner. Er sagt uns wir sollen die Ellenbogen vom Tisch nehmen, hält sich aber selbst nicht dran.“ Es ist eine Phase, die jeder Mensch durchmachen muss: Die heile Welt der Eltern zerbricht und man muss sich neu orientieren. Welche Regeln gelten für mich?
Rebel without a cause
Es wird kein konkreter Grund präsentiert, warum Irgendetwas schiefläuft. Man spürt die zunehmende Bedrohung der Familie, das Auseinanderbrechen. Der Sohn begehrt gegen den Vater auf, denkt sogar daran, ihn zu töten. Er hört nicht mehr auf die Mutter, weil diese ja auch nur dem Vater hörig sei. Streit zwischen den Eltern, bisher nur durch die Fenster der Nachbarhäuser gesehen, zieht ins eigene zu Hause ein. Jack verstößt bewusst gegen Regeln, testet seine Grenzen. Er verletzt seinen Bruder mit dem Luftgewehr. Bricht in ein fremdes Haus ein, zerschmeißt Fenster, bindet Frösche an Raketen. Jack fragt: „Wie sollen wir etwas lernen, wenn wir nichts ausprobieren dürfen?“ Und doch ist es nicht so einfach. Jack hasst seinen Vater nicht, er liebt ihn. Trotz aller Probleme ist er als Vater sein Vorbild. Manchmal werden wir wie unsere Eltern, mit all ihren Fehlern. „Vater und Mutter, stets ringt ihr in mir.“
Schließlich sehen wir Jack als Erwachsenen (Sean Penn), welcher ziellos durch ein Labyrinth von Hochhäusern und Glaspalästen irrt. Das einzige Stück Natur ist hier ein Baum in einer großen Halle, überdacht von Glas. Scheinbar hat Jack es zu etwas gebracht, wie sein Vater es immer wollte. Glücklich ist er nicht. Er trauert um seinen toten Bruder, bereut seinen Neid auf ihn, steckt in einer Sinnkrise. Die Welt wird vom Menschen künstlich geordnet, sich Untertan gemacht und trotzdem erhalten wir keine Antworten. Jack ist so verloren wie nie zuvor.
Am Ende finden alle Menschen in einer weiten Landschaft wieder zueinander. Ist dies das Jenseits? Die bildliche Darstellung der Sehnsüchte, wieder zum Ursprung zurückkehren zu können? All das Vergessen zu machen, was an irgendeinem Punkt im Leben schiefgelaufen ist? Wir wissen es nicht.
(Zu) Große Fragen?
Der Film ist eine große Meditation über das Leben. Man muss kein spiritueller Mensch sein, um das faszinierend zu finden. Es gibt wunderschöne Bilder, sphärische Musik. Wir sehen keine große, zusammenhängende Story. Lediglich Fragmente werden gezeigt, einzelne Situationen. Diese reichen aus, um die Fragen aufzuwerfen, die dieser Film verfolgt. Die Verknüpfung des Universums, der Natur und den O’Briens ruft die universalen Zusammenhänge ins Bewusstsein. Was ist das Leben des einzelnen im Vergleich zum Sein? Alles? Nichts? Wir sind winzig im Hinblick auf die Geschichte der Welt und doch riesig gegenüber dem kleinsten Atom. Und wieso sollte das menschliche Leben nichts mit der Entstehung allen Seins zu tun haben, nur weil da ein großer Zeitraum zwischen ist? Der Film versteht es, solche banalen Grenzen zu durchdringen.
Tree of Life ist nicht unterhaltsam im Sinne von kurzweiligem Vergnügungen. So sehr ich die Funktion der Endlosbilder von Flüssen, Wäldern etc. auch verstehe – mir war es ab und an etwas zu viel. ABER: Das ist subjektiv und immer davon abhängig, wie weit die Gedanken des Zuschauers derweil wandern können. Ich nehme an, das nennt sich Anspruch. Viele werden verprellt sein und fragen: „Was soll der Scheiß? Ich wollt nen schönen Film mit Brad Pitt sehen und dann über 2 Stunden nur zusammenhangslose Bilder vom Weltall, spielenden Kindern und Kirchengesang!“
Zu Recht hat Roger Ebert Tree of Life mit Stanley Kubricks 2001: Odyssee im Weltraum verglichen: Wir haben hier einen meditativen Film, in dem auf der Handlungsebene nicht viel passiert, der aber unglaublich tiefgründig ist, wenn der Zuschauer den entsprechenden Hintergrund besitzt und die Bilder mit seinen eigenen Gedanken füllen kann. Und wo 2001 noch kalt und künstlich erschien, besitzt Tree of Life eine Wärme und Menschlichkeit, die ihres Gleichen sucht.
Nix für jeden
Man kann sagen: Eine Gewisse Vorliebe für Philosophie ist von Nöten. Oder einfach die Einstellung: Ich lass mich nicht von einem Film berieseln sondern nutze diese Stunden, um über mein Leben, meine Kindheit, meine Kinder, meine Eltern etc. nachzudenken. Ich fands dufte. Aber vielleicht braucht man auch eine gewisse Erfahrung mit Filmen, um sich nicht von der ungewöhnlichen Erzählweise verwirren zu lassen, so dass man sich auf das Wesentliche konzentrieren kann? Leichte Kost ist der Film nicht, aber auf jeden Fall etwas für die Kritiker.
Zitat einer Freundin: „Den möchte ich noch einmal sehen, um ihn besser zu verstehen.“ Das schaffen nicht viele Filme und ich bin immer froh, wenn so einer auftaucht.
P.S. Der Film ist ein super Beispiel dafür wie Leute oft sagen „Der Film ist scheiße“ wenn sie eigentlich meinen „Der Film hat mir nichts gesagt“. Das ist schon ein Unterschied. So mies und undurchdacht kann Tree of Life nicht sein, wenn einige Menschen darüber stundenlang diskutieren können. Leider gibt es auch da die arrogante Haltung: „Das sind Kunstschnösel die sich wichtigmachen wollen.“ Seufz.




