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Ich bin verliebt. In die Töne. In Tocotronics neues Album „Schall und Wahn“. 9/10 gut und gerne. Ich habe eine Weile daran gedacht, jeden Song hier in Moosbett auseinander zu interpretieren. Doch im Grunde verweigern sich die Lieder wie so oft zuvor eindeutigen Zuordnungen. „Schall und Wahn“ setzt die Richtung fort, die die Band seit K.O.O.K. eingeschlagen hat: Romantische Poesie verbunden mit musikalischem Exzess. Alles ist irgendwie zu groß, um erfasst zu werden. Kitschig und doch schön. Testosteron könnte nicht weiter entfernt sein.

Interessanterweise tauscht das Album mit „Kapitulation“ die Rollen. Während ich dort die Texte sehr einladend und die Musik zu Weilen etwas abweisend empfand, mag ich mir hier weniger Gedanken um einen übergeordneten Sinn hinter dem (wunderschön) Gesungenen machen und einfach den Klang genießen. Das geht schon mit dem mächtigen Opener „Eure Liebe tötet mich“ los, was man gut und gerne als „Hi Freaks“ 2 verstehen kann, quasi eine direkte Anrede an den Fan(atiker). Da bildet sich gegen Ende des 8Minüters ein so unglaubliche Klangsturm, es zieht einem die Socken aus. Ähnlich davontragend ist auch das Ende des Albums, wo das süße „Gift“ von Geigen verabreicht wird.

D6A884B76381D811B3E4594AC7B22Neben den „üblichen“ tollen Liedern im Tocotronic-Stil stechen 3 Lieder heraus: „Stürmt das Schloss“ ist das „Sag alles ab“ von „Schall und Wahn“, schnell, kurz, aggressiv. Die Abkürzung SDS wird immer wieder auf die gleichnamige Studenten-Gruppe aus den 60ern bezogen, funktioniert aber im Liedkontext mit dem durch das Textheft beigefügte D ebenso als Aufruf an alle Castingverlierer, ihre eigene Band zu gründen. „Im Zweifel für den Zweifel“ ist eine ausschließlich von Akustik-Gitarre vorgetragene Absage an alle Sicherheiten. „Bitte oszillieren Sie“ (zwischen den Polen Bumms und Bi) ist dann ein einziger (toller) Witz. Es macht den tocotronischen Humor aus, im Dschungel von Philosophie und Querverweisen auch mal albern zu sein: Ping Pong ohne Hierarchie! Es versteht sich von selbst das wie so oft mit „Macht es nicht selbst“ das schlechteste Lied zur Single-Auskopplung herangezogen wurde.

Natürlich können Kritiker wieder das gleiche sagen wie immer: Arrogante Künstlerschnösel, die zusammenhangslose Wortfetzen ausspucken. Und diese Frisuren! Und dieses schwule Gejammer! Muss ja nicht jeder mögen. Und wozu sich für seinen Musikgeschmack verteidigen? Alles hat seinen Wert für irgendjemanden. Egal ob das nun Lady Gaga für einen Teenie ist oder diese unzugänglichen Herren von Tocotronic für mich. „Schall und Wahn“ wird mich wieder einige male durch die Straßen begleiten und jeden Song in verschiedenen Situationen anders interpretieren lassen. Musik und Text, die die Gedanken anregen und neue Standpunkte zur Welt veranlassen, darauf kommt es doch vor allem an. Man muss sich ja an nichts klammern, da oszilliere ich doch lieber.