Tocotronic – Luft

Eine Faullenzerhymne? Meditationslyrik? Belohnung für harte Arbeit? Angst vor Veränderungen? Alles in „Luft“ vom Album „Kapitulation“ von Tocotronic enthalten:

Luft

Die Luft ist so nutzlos um mich herum
So schön vergeht jetzt ein Millenium

Schon die ersten beiden Zeilen sprechen mit dem Kapitulations-Konzept: Die Schönheit des Negativen. Mit Ignoranz werden selbstverständliche Dinge wie die Luft betrachtet, nicht gesehen, wie notwendig sie sind, da man so gut wie nie ohne sie auskommen muss. Doch diese einseitige, subjektive Betrachtungsweise wird mitnichten verurteilt, sie wird genossen: Trotz oder gerade wegen der Sinnlosigkeit der Luft vergeht die Zeit, eine Ära, das Millenium schön. Dass sie damit endet muss damit nichteinmal gemeint sein.

Ja ich habe heute nichts gemacht
Ja meine Arbeit ist vollbracht

Ja, eine Antwort auf eine Frage, einen Vorwurf, den wir uns vorstellen müssen. Entsprungen der Leistungsgesellschaft: Wie bitte, du liegst hier rum, erfüllst deine Pflichten nicht, kümmert dich um so etwas unwichtiges wie Luft? Die Antwort zeigt keine Reue, die persönliche Arbeit ist vollbracht:

Ich atme nur

Es fragt sich nun, ist das Atmen, das Existieren, das Bewusstwerden die fragliche Arbeit? Das Auseinandersetzen mit den oben genannten, selbstverständlichen Dingen, die wir so oft ignorieren? Oder ist es das Durchatmen nach der gemachten Arbeit, der verdiente Lohn? Die Hingabe zum Nutzlosen als Zuckerstück für die Knüppelei mit den Aufgaben, die das Leben so stellt?

Genau wie jetzt nur ein bisschen anders wird es sein
Sei schlau und kleb die Bilder ein
Ja ich habe heute nichts gemacht
Ja meine Arbeit ist vollbracht
Ich atme nur

Es geht also um Veränderungen und Erinnerungen. Dinge vergehen, bleiben nur über Metaphern wie dem Fotoalbum für längere Zeit im Gedächtnis. Diese Veränderungen werden nicht sehr positiv betrachtet, weshalb der wiederholte Refrain nun schon wirkt, als würde sich das lyrische Ich gezielt gegen eine erneute Arbeit wehren. Diese Zeilen ergeben vor allem im Folgenden Sinn:

Und jetzt weiter im Text
Neue Fehler warten
Steine liegen auf dem Weg
Ich leg sie rüber in den Garten

Und jetzt weiter im Text: Auch wenn man sich gerne in der Lethargie verlieren möchte, so ist es notwendig, seinen Standpunkt zu verdeutlichen um dies zu legitimieren: Das geforderte zukünftige Handeln trägt Missgriffe in sich, Steine liegen auf dem Weg. Ein Sprichwort sagt, man solle Brücken aus diesen Steinen bauen, hier werden sie nur aus dem Weg gelegt: Die Fehler der Zukunft werden nicht als Chance begriffen, sie werden höchstens gemieden.

Ich warte bis es dunkel ist
Und ich seh die Schatten fliegen
Ich warte bis es dunkel es
Das Nutzlose wird siegen
Das Nutzlose bleibt liegen
Also züchte ich mir Staub
Entschuldigung das hab ich mir erlaubt

Warten, nichts tun. Andere agieren lassen, Schatten werfen lassen. Die Sinnlosigkeit im Handeln, gerade durch die erwähnten, zwangsläufigen Fehler lassen den triumphieren, der sich dieser Aufgabe verwehrt: Wer keinen Nutzen hat, der ist niemandem etwas schuldig. Und wer niemandem etwas schuldig ist, der kann niemanden enttäuschen. Wer nicht kämpft, hat schon verloren? Unsinn: Wer nicht kämpft, kann nur gewinnen. Diese These ist natürlich höchst provokativ, aber die eine oder andere Überlegung wert und unterwirft sich nicht ganz dem konformativen Leistungsprinzip der Gesellschaft. Staubzüchten ist dabei eine wohlwollende, aktive Umschreibung des eigentlich passiven Nichtstuns: Ganz klar ist Nichtstun eine Tätigkeit, für die man sich scheinbar entschuldigen muss, auch wenn man sich dafür entschieden hat: Der Hohn in dieser Aussage ist nicht zu übersehen, das lyrische Ich ist überzeugt von der Richtigkeit seines Handelns.

Und jetzt weiter im Text
Neue Wege gehen
Ich weiß ich werde jetzt
Jedem zu Verfügung stehen
Ich gehe wenn der Tag beginnt
Und ich seh die Schatten fliegen
Ich gehe wenn der Tag beginnt
Das Nutzlose wird siegen
Das Nutzlose bleibt liegen
Also laufe ich durchs Laub
Entschuldigung das hab ich mir erlaubt

Und so wird die Verweigerung aufgelöst, die vorherigen Strophen werden zu einer Episode, einem endlichen Gefühl, welches jeder einmal durchmacht um sich früher oder später davon zu lösen. Die Lethargie wird ersetzt durch Tatendrang! Ich gehe neue Wege, und wenn noch soviele Steine darauf liegen! Wer will etwas von mir, ich stelle mich ihm! Die Schatten fliegen, ich bin das Licht! Und auch wenn das Nutzlose bestehend bleibt wie totes, sinnentleertes Laub: Ich durchschreite es, lasse es hinter mir. Entschuldigt meinen Sinneswandel, den hab ich mir erlaubt.

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