Offizielles Musikvideo zum Lied
Vorab: Meine Bemerkungen stellen lediglich persönliche Gedankengänge zum Liedtext dar und haben natürlich kein Anspruch auf Vollständigkeit, insofern es eine solche bei Interpretation überhaupt geben kann. Interessanterweise hielt ich “Imitationen” von Anfang an für ein waschechtes Liebeslied, bis mich jemand verwundert darauf ansprach, wie ich denn darauf käme. Dazu im Folgenden mehr.
Imitationen
Imitationen von dir
Befinden sich in mir
Imitationen von dir
Verbünden sich mit mir
Ich habe von der Intimitäts-Theorie “Bei sich sein im anderen” gehört, dies scheint das Gegenteil darzustellen. Der andere ist in mir, bzw. eine Imitation von ihm. Verliebte würden vermutlich von “Er/Sie geht mir nicht aus dem Kopf” reden, man müsse ständig an den anderen denken. Das Ebenbild des Anderen ist in mir, dies könnte auch bedeuten, ich gleiche dem anderen. Ich sehe uns nicht als etwas Divergentes, sondern als etwas Gemeinsames. Das Wort Imitation löst die offensichtliche Unmöglichkeit physisch eins zu sein, so denn es sich denn beim Du um einen Menschen handelt (geht man nicht davon aus, bieten sich viele weitere Interpretationen an). Dass diese Imitationen (wohlbemerkt: Plural) sich mit dem lyrischen Ich “verbünden”, sehe ich als positive Wertung des Prozesses an. Die Wortwahl wiederum ist vermutlich dem militärischen Konzept des Albums “Kapitulation” zuzuschreiben.
Die Strophe beschreibt also grob gesagt, wie die Vereinigung zunächst fremder Facetten (einer Person?) mit der eigenen Identität vollzogen wird.
Beispiel: Ich passe mich dem Menschen an, den ich liebe.
Berühren und begleiten mich
Sagen es gibt kein wahres Ich
Verspüren und bereuen nichts
Spucken den Leugnern ins Gesicht
Die Liebe als Verführer? Die Erlösung durch Selbstaufgabe: ein Bild, welches sich durch das ganze Album zieht. Die Anpassung an andere ist so angenehm und befreiend, dass man seine eigene Identität aufgeben möchte. Wir bilden uns ein, es hätte kein “wahres Ich” gegeben, wir seien so, wie uns das beruhigende Gefühl der Gemeinsamkeit verspricht. Wie sehr verteidigt man nicht auch in einer Verliebtheit die Gemeinsamkeiten mit dem Partner gegenüber anderen und “leugnet” Kommentare wie “Du hast dich verändert”? Diese Selbstaufgabe wird zunächst nicht bereut oder auch nur wahrgenommen, wenn auch oft hinterher umso mehr.
Dein gut ist mein gut
Dein schön ist mein schön
Dein wahr ist mein wahr
Man sieht die Dinge also mit den Augen des anderen, bejaht dessen Aussagen, findet schön, was er schön findet. Spätestens jetzt ist die Selbstaufgabe vollkommen, man kann kein eigenes Urteil mehr bilden.
Imitationen von dir
Wiederholen sich in mir
Imitationen von dir
Klopfen an die Tür
Und leise reden sie mir ein
Du musst nicht du selber sein
Und leise reden sie mir ein
Wir werden dich von dir befreien
Dein schlecht ist mein schlecht
Dein schlimm ist mein schlimmm
Dein schlimm ist mein ganz schlimm
Interessanterweise handelt es sich bei diesen drei Absätzen um fast inhaltslgeiche Wiederhohlungen der drei Absätze davor. Während dort jedoch die Imitationen als eine Art Befreiungsfront erscheinen, werden sie zunehmend konspirativ. Nicht der Kampf gegen außenstehende Leugner wird gefochten, sondern gegen die eigene Identität, von der sie das lyrische Ich “befreien” wollen, als wäre es unanehmbar. Sie reden ein, sie überzeugen, sie überwältigen. Sie sind gekommen, klopfen an die Tür, doch wollen dich hinauswerfen. Dieser negative Aspekt der Vereinahmung durch Andere wird im dritten Absatz durch eine Umkehrung vom Guten zum Schlechten betont: Was du schlecht findest, muss ich auch schlecht finden. Ich habe nicht Mitgefühl mit dir, sondern ich übernehme einfach dein Gefühl.
Du bist so viel gereist
Im Zickzack durch die Zeit
Nirgendwo wo du bleibst
Manchmal nur durch Träume treibst
Fast durch die ganze Welt
Bist du zu mir bestellt
Fast durch die ganze Welt
Bist du zu mir bestellt
Eine interessante Umkehrung des Abhängigkeitsverhältnisses: Du, dessen Imitationen ich in mir trage, in den ich vielleicht verliebt bin, du bist zu mir “bestellt”, ohne Wahlmöglichkeit. Hattest in der Welt keinen Sinn, warst rastlos, in Träumen versunken. Bist du mich gefunden hast und dich in mir (Imitationen!) widerspiegeln kannst. Diese Passage erweckt tatsächlich Mitleid mit dem “Du” und relativiert die Passiv/Aktiv-Konstruktion der beiden Protagonisten. Im Liebesbeispiel: Der Geliebte kann nichts dafür, dass er geliebt wird, auch nicht, wenn er davon profitiert.
Da das lyrische Ich die Zeilen formuliert, können sie natürlich auch subjektiv ausgelegt werden, als eine Art Besitzanspruch: Du wurdest nur dazu geschaffen damit ich dich lieben kann. Diese einseitige Betrachtungsweise würde jedoch wiederum die Abhängigkeit des Erzählers betonen. Wenn er sich ganz dem anderen ergibt und dessen Identität annimmt: Was bleibt dann, wenn dieser ihn zurückweist?
Dein gut ist mein gut
Dein schön ist mein schön
Dein wahr ist mein wahr
Dein schlecht ist mein schlecht
Dein schlimm ist mein schlimmm
Dein schlimm ist mein ganz schlimm
Nocheinmal die Wiederholung der positiven und negativen Aspekte, die zeitgleich mit der Selbstaufgabe für einen anderen (alternativ: eine Sache) auftreten. Selbstverständlich kann beides insgesamt als erstrebenswert erachtet werden oder eben abgelehnt werden.
Auch wenn ich wie gesagt das Lied von jeher als Liebeslied gesehen habe (die persönlichen Identifizierungsprozesse springen wohl bei diesem Thema augrund der starken Bedeutung immer als erste an), könnte man es wie erwähnt auch auf andere Bereiche übrtragen (Aufgabe der eigenen Meinung, Übernahme von gesellschaftlichen Überzeugungen etc.).
