Meine Oscar-Vorbereitungen laufen auf vollen Touren, deshalb war am Dienstag der Favorit „The King‘s Speech“ dran, der immerhin 12 Nominierungen sein Eigen nennt. Zu Recht?
Der Film erzählt von Herzog Albert von Yorks Aufstieg zum König Georg VI. (Colin Firth). Albert leidet an einem Stottern, welches ihn für öffentliche Zwecke im Grunde untragbar erscheinen lässt. Auf Drängen seiner Frau (Helena Bonham Carter) begibt er sich bei dem Sprachtherapeuten Lionel Logue (Geoffrey Rush) in Behandlung. Die Fortschritte der ungewöhnlichen Therapiemethoden werden von den privaten und den politischen Entwicklungen um die Königsfamilie überschattet. Alberts Vater König Georg V. stirbt, Bruder Edward erweist sich als unzuverlässiger Thronfolger und gleichzeitig droht Hitler Europa in den 2. Weltkrieg zu stürzen. Kann Albert mit Hilfe von Lionel die notwendige Stimme erlangen um das Volk Englands in dieser schweren Zeit führen zu können?
Wer sich in Geschichte auskennt, kennt die Antwort: Ja. Aber „The King‘s Speech“ lebt auch nicht von einer großen, wendungsreichen Story. Wer auch nur grob gehört hat, worum es in dem Film geht, wird dahingehend keine Überraschungen erleben. Die große Qualität ist vielmehr in den Charakteren und ihren Interaktionen zu finden. Nicht umsonst sind alle 3 Hauptdarsteller bzw. Nebendarsteller für Oscars nominiert. Ich habe normalerweise nicht viel für Historien-Filme übrig. Doch Regisseur Tom Hooper schafft es vom ersten Augenblick an, dass der Zuschauer mit den Figuren mitfiebert.
Da wäre Albert, der in der ersten Szene auf dem Weg zu einer Ansprache vor einem Millionenpublikum wie zum Schafott geleitet wird. Und dann versagt. Jeder, der schon einmal vor Publikum sprechen musste, kennt diese Angst. Colin Firth spielt diese Rolle mit solcher Ohnmacht und Wut, der Oscar wäre völlig gerechtfertigt. Er steht im ständigen Widerstreit, ob er sich mit seinen Problemen auseinandersetzen oder vor ihnen fliehen soll. Probleme, die nicht seine Schuld sind. Die von seiner Umgebung gleichermaßen verursacht als auch schlecht behandelt worden sind, z.B. ein dominanter Vater, der glaubte, die Sprachprobleme mit strenger Disziplin einfach hinweg befehlen zu können. Albert ist von Unsicherheiten geplagt, in denen sein Sprachproblem besonders stark zur Geltung kommt. Der Teufelskreis: Umso größer die Angst vorm Versagen, umso stärker wird das Stottern. Allein in ehrlichen, unbedachten Wutausbrüchen erklingt seine Stimme klar und deutlich. Diese unterdrückte Wut wird der Schlüssel sein, über den Lionel Albert helfen wird.
Geoffrey Rush spielt nicht einfach nur den allwissenden Mentor, sondern ist selbst von Problemen geplagt. Er spielt eine Figur, die sich ihr Leben lang um andere gekümmert hat, aber doch nur nach Äußerlichkeiten wie Titel oder Herkunft beurteilt wird. Er liebt Shakespeare und Stücke vor seinen drei Söhnen zu spielen, doch wird er von Theatern nur müde belächelt. Der Auftrag, Albert zu helfen, ist für ihn gleichermaßen Chance als auch zunehmend eine Herzensangelegenheit. Beide Charaktere helfen sich gegenseitig auf dem Weg zu einer tiefen Freundschaft gegenüber den Vorurteilen der High Society.
Neben der brillanten Darstellung glänzen die Dialoge, welche den Film zum Glück nicht einfach schwer dramatisch kleben lassen, sondern (für mich) überraschend häufig Gelächter beim Publikum provozieren. Dies passiert vor allem dann, wenn Lionel versucht, die gute Erziehung von Albert aufzubrechen. „Ihre Ärzte sind Idioten!“, „Singen sie ihre Probleme heraus!“, „Chorknaben kennen bessere Schimpfwörter als Sie!“. Das herausbrechende „Arsch! Fick! Scheiße!“ ist eine wahre und nachvollziehbare Erlösung nach Jahren der Unterdrückung.
„The King‘s Speech“ ist großes Schauspielkino. Für den spontanen Unterhaltungsfilmkinogänger nicht unbedingt die richtige Wahl, aber wer sich an schnörkelloser, klassischen Inszenierung erfreuen kann, der wird diesen Figuren gerne bei ihrer Entwicklung zusehen. Ein typischer Oscarfilm, bei dem die Anzahl der Nominierungen nicht gleichbedeutend mit seiner Qualität ist, aber auch nicht völlig ungerechtfertigt daherkommt. Gerade Darsteller und Drehbuch sind sehr gut. Ich hab‘s genossen, obwohl es nicht mein Genre ist. Das will ja auch was heißen.



