Zur Zeit kursiert das sogenannte Internet-Manifest durch die Kommunikationskanäle des Netzes. Entworfen von verschiedenen Reportern, Bloggern etc. werden darin einige Thesen aufgestellt, inwiefern das Internet den Journalismus beeinflusst, den Umgang mit Informationen, Öffentlichkeit und so weiter. Löblich, dass das Ganze seiner Thematik angemessen offen für Vorschläge und Veränderungen ist, die im dazugehörigen Wiki getätigt werden können.
Im folgenden die einzelnen Thesen des Manifests und was ich davon halte:
1. Das Internet ist anders.
Es schafft andere Öffentlichkeiten, andere Austauschverhältnisse und andere Kulturtechniken. Die Medien müssen ihre Arbeitsweise der technologischen Realität anpassen, statt sie zu ignorieren oder zu bekämpfen. Sie haben die Pflicht, auf Basis der zur Verfügung stehenden Technik den bestmöglichen Journalismus zu entwickeln – das schließt neue journalistische Produkte und Methoden mit ein.
Dem ist nichts hinzuzufügen. Auch wenn viele Medieninstitutionen zum Glück langsam schon von selbst auf diesen Trichter gekommen sind. Siehe die Entwicklung, dass sich die TV-Sender langsam mit der Programmübertragung im Netz anfreunden können anstatt das wahlweise als unwichtig oder gefährliche Konkurrenz anzusehen.
2. Das Internet ist ein Medienimperium in der Jackentasche.
Das Web ordnet das bestehende Mediensystem neu: Es überwindet dessen bisherige Begrenzungen und Oligopole. Veröffentlichung und Verbreitung medialer Inhalte sind nicht mehr mit hohen Investitionen verbunden. Das Selbstverständnis des Journalismus wird seiner Schlüssellochfunktion beraubt – zum Glück. Es bleibt nur die journalistische Qualität, die Journalismus von bloßer Veröffentlichung unterscheidet.
Tendenziell mag das stimmen, aber Organisation, Zeitaufwand, Kontakte etc. sind schon noch Faktoren, die mit einer bestehenden, zu finanzierenden Struktur im Rücken leichter zu bewältigen sind. Ein einzelner Blogger kann nicht mal eben Spiegel Online ersetzen. Und selbst wenn der Leser sich ein eigenes Netzwerk aus vielen verschiedenen Quellen zusammenbaut per Feed, so sind diese doch nicht aufeinander abgestimmt, es kommt zu Dopplungen, fehlenden Themen etc.. Eine umfassende, organisierte Institution kann allgemeine Informationen besser zusammenfassen und filtern, als es der einzelne User vermag. Anders sieht das höchstens noch bei individuellen Interessenschwerpunkten aus: Feeds aus 10 Gärtner-Blogs geben mir bessere Informationen als eine Nachrichtenseite mit Garten-Rubrik.
3. Das Internet ist die Gesellschaft ist das Internet.
Für die Mehrheit der Menschen in der westlichen Welt gehören Angebote wie Social Networks, Wikipedia oder Youtube zum Alltag. Sie sind so selbstverständlich wie Telefon oder Fernsehen. Wenn Medienhäuser weiter existieren wollen, müssen sie die Lebenswelt der Nutzer verstehen und sich ihrer Kommunikationsformen annehmen. Dazu gehören die sozialen Grundfunktionen der Kommunikation: Zuhören und Reagieren, auch bekannt als Dialog.
Passt schon. Nun, wo das Volk besser untereinander kommunizieren kann, müssen auch die Medien besser zuhören. Kritik an Berichterstattung und die eigene Meinung bleiben nicht mehr am Stammtisch, sondern gehen per Twitter etc. raus an die Welt.
4. Die Freiheit des Internet ist unantastbar.
Die offene Architektur des Internet bildet das informationstechnische Grundgesetz einer digital kommunizierenden Gesellschaft und damit des Journalismus. Sie darf nicht zum Schutz der wirtschaftlichen oder politischen Einzelinteressen verändert werden, die sich oft hinter vermeintlichen Allgemeininteressen verbergen. Internet-Zugangssperren gleich welcher Form gefährden den freien Austausch von Informationen und beschädigen das grundlegende Recht auf selbstbestimmte Informiertheit.
Heikles Thema, denn auch Freiheit muss unter Umständen eingeschränkt werden (Freiheit zu Morden, anyone?). Soviel aber nur zur Überschrift, der Text geht in Ordnung. Zensur wie in China oder das “Ausblenden” von Kinderpornographie im “deutschen” Netz (Ha!) ist verwerflich und geht mit seinen Methoden am Kernziel vorbei.
5. Das Internet ist der Sieg der Information.
Bisher ordneten, erzwungen durch die unzulängliche Technologie, Institutionen wie Medienhäuser, Forschungsstellen oder öffentliche Einrichtungen die Informationen der Welt. Nun richtet sich jeder Bürger seine individuellen Nachrichtenfilter ein, während Suchmaschinen Informationsmengen in nie gekanntem Umfang erschließen. Der einzelne Mensch kann sich so gut informieren wie nie zuvor.
Ja.
6. Das Internet verändert verbessert den Journalismus.
Durch das Internet kann der Journalismus seine gesellschaftsbildenden Aufgaben auf neue Weise wahrnehmen. Dazu gehört die Darstellung der Information als sich ständig verändernder fortlaufender Prozess; der Verlust der Unveränderlichkeit des Gedruckten ist ein Gewinn. Wer in dieser neuen Informationswelt bestehen will, braucht neuen Idealismus, neue journalistische Ideen und Freude am Ausschöpfen der neuen Möglichkeiten.
Klingt schön, man sollte aber die Risiken nicht ausklammern. Wenn alles ständig im Wandel ist, wo herrscht dann Sicherheit und Verlässlichkeit? Ohne Umstände kann nicht mehr ermittelt werden, ob Quellen ihre Inhalte nachträglich geändert haben. Selbst kopiert und weiterverbreitet, wie es bei dem peinlichen Wahlspot der Jungen Union der Fall war, ist nicht jedem Nutzer bewusst, dass es sich mitnichten um Satire handelt sondern ursprünglich von der Jungen Union selbst online gestellt (und dann wieder gelöscht) wurde.
7. Das Netz verlangt Vernetzung.
Links sind Verbindungen. Wir kennen uns durch Links. Wer sie nicht nutzt, schließt sich aus dem gesellschaftlichen Diskurs aus. Das gilt auch für die Online-Auftritte klassischer Medienhäuser.
Großes Ja. Ich vermisse im Content vieler Seiten die starke Verlinkung von Schlagworten im Text. Ist aber zu einem bestimmten Grad nachvollziehbar, weil dies einen gewissen Mehraufwand erfordert und der negative Einfluss auf die Lesbarkeit bei einer Überverlinkung schon ins Gewicht fällt. Hier sind neue Design-Ideen gefragt.
8. Links lohnen, Zitate zieren.
Suchmaschinen und Aggregatoren fördern den Qualitätsjournalismus: Sie erhöhen langfristig die Auffindbarkeit von herausragenden Inhalten und sind so integraler Teil der neuen, vernetzten Öffentlichkeit. Referenzen durch Verlinkungen und Zitate – auch und gerade ohne Absprache oder gar Entlohnung des Urhebers – ermöglichen überhaupt erst die Kultur des vernetzten Gesellschaftsdiskurses und sind unbedingt schützenswert.
Japp, siehe Oben. Nicht mit Quellen geizen. Es ist denke ich ein Irrglaube, dass man User an seine eigene Seite bindet, indem man ihn vorenthält, woher die Informationen tatsächlich stammen. Das ist kurzfristig gedacht, und ideologisch betrachtet kommt es ja auch nicht darauf an, woher die Informationen kommen, sondern dass sie möglichst gut verbreitet und abrufbar sind. Deswegen habe ich z.B. das Manifest hier auf Mossbett gepostet und es zusätzlich auch noch von seinem Ursprungsort her verlinkt. Schaut es an wo ihr wollt, doch nur hier gibt es prominent meinen Senf dazu! Soviel zum Individualjournalismus.
9. Das Internet ist der neue Ort für den politischen Diskurs.
Demokratie lebt von Beteiligung und Informationsfreiheit. Die Überführung der politischen Diskussion von den traditionellen Medien ins Internet und die Erweiterung dieser Diskussion um die aktive Beteiligung der Öffentlichkeit ist eine neue Aufgabe des Journalismus.
So ist es.
10. Die neue Pressefreiheit heißt Meinungsfreiheit.
Artikel 5 des Grundgesetzes konstituiert kein Schutzrecht für Berufsstände oder technisch tradierte Geschäftsmodelle. Das Internet hebt die technologischen Grenzen zwischen Amateur und Profi auf. Deshalb muss das Privileg der Pressefreiheit für jeden gelten, der zur Erfüllung der journalistischen Aufgaben beitragen kann. Qualitativ zu unterscheiden ist nicht zwischen bezahltem und unbezahltem, sondern zwischen gutem und schlechtem Journalismus.
Kontra. Es hebt die Grenzen nicht auf, es verwischt höchstens alte Grenzen und schafft an anderen Orten neue. Aber im Großen und Ganzen stimmt das inhaltlich schon.
11. Mehr ist mehr – es gibt kein Zuviel an Information.
Es waren einst Institutionen wie die Kirche, die der Macht den Vorrang vor individueller Informiertheit gaben und bei der Erfindung des Buchdrucks vor einer Flut unüberprüfter Information warnten. Auf der anderen Seite standen Pamphletisten, Enzyklopädisten und Journalisten, die bewiesen, dass mehr Informationen zu mehr Freiheit führen – sowohl für den Einzelnen wie auch für die Gesellschaft. Daran hat sich bis heute nichts geändert.
Wieder heikel formuliert. Richtig, das Angebot von Informationen kann nicht groß genug sein. Aber es muss gewährleistet sein, dass der Empfänger richtig filtern kann, sei es durch Technik (Suchmaschinen etc.) oder Kompetenzen.
12. Tradition ist kein Geschäftsmodell.
Mit journalistischen Inhalten lässt sich im Internet Geld verdienen. Dafür gibt es bereits heute viele Beispiele. Das wettbewerbsintensive Internet erfordert aber die Anpassung der Geschäftsmodelle an die Strukturen des Netzes. Niemand sollte versuchen, sich dieser notwendigen Anpassung durch eine Politik des Bestandsschutzes zu entziehen. Journalismus braucht einen offenen Wettstreit um die besten Lösungen der Refinanzierung im Netz und den Mut, in ihre vielfältige Umsetzung zu investieren.
So ist es. Kutschen fahren heute ja auch nicht mehr, sondern Autos. Mögen Kutscher und Nostalgiker bedauern, aber die Zeiten ändern sich eben. Was heute des Druckers verlorener Job ist morgen des Webdesigners neue Arbeit.
13. Im Internet wird das Urheberrecht zur Bürgerpflicht.
Das Urheberrecht ist ein zentraler* Eckpfeiler der Informationsordnung im Internet. Das Recht der Urheber, über Art und Umfang der Verbreitung ihrer Inhalte zu entscheiden, gilt auch im Netz. Dabei darf das Urheberrecht aber nicht als Hebel missbraucht werden, überholte Distributionsmechanismen abzusichern und sich neuen Vertriebs- und Lizenzmodellen zu verschließen. Eigentum verpflichtet.
*) Stilblüten-Alarm aufgehoben
Ein großes Thema für sich, ich würde auch das alleinige Recht auf Verbreitung eigener Inhalte so unumbringlich festgesetzt nicht sehen wollen. Aber ansonsten passt das.
14. Das Internet kennt viele Währungen.
Werbefinanzierte journalistische Online-Angebote tauschen Inhalte gegen Aufmerksamkeit für Werbebotschaften. Die Zeit eines Lesers, Zuschauers oder Zuhörers hat einen Wert. Dieser Zusammenhang gehört seit jeher zu den grundlegenden Finanzierungsprinzipien für Journalismus. Andere journalistisch vertretbare Formen der Refinanzierung wollen entdeckt und erprobt werden.
Ähem, ja. Nicht sehr aussagekräftig. Ich bin aber gespannt, wie sie das hinsichtlich immer effektiverer Werbeblocker entwickelt. Ein kleines Addon bei Firefox und schon werd ich von jeglicher Bannerwerbung, Pop-ps etc. verschont. Das kann wohl kaum im Interesse der Werbepartner liegen.
15. Was im Netz ist, bleibt im Netz.
Das Internet hebt den Journalismus auf eine qualitativ neue Ebene. Online müssen Texte, Töne und Bilder nicht mehr flüchtig sein. Sie bleiben abrufbar und werden so zu einem Archiv der Zeitgeschichte. Journalismus muss die Entwicklungen der Information, ihrer Interpretation und den Irrtum mitberücksichtigen, also Fehler zugeben und transparent korrigieren.
Nur weil etwas abrufbar bleibt, heißt das nicht, dass die Leute es nicht vergessen können. Es muss schon noch bewusst abgerufen werden. Und wenn es die Distiributoren vergessen haben, wie soll es dann der Nutzer wiederentdecken? Kaum jemand wird auf gut Glück Archive durchwühlen.
16. Qualität bleibt die wichtigste Qualität.
Das Internet entlarvt gleichförmige Massenware. Ein Publikum gewinnt auf Dauer nur, wer herausragend, glaubwürdig und besonders ist. Die Ansprüche der Nutzer sind gestiegen. Der Journalismus muss sie erfüllen und seinen oft formulierten Grundsätzen treu bleiben.
Tja, erhöhter Wettbewerb fördert das Besondere. Ist jetzt nicht so neu.
17. Alle für alle.
Das Web stellt eine den Massenmedien des 20. Jahrhunderts überlegene Infrastruktur für den gesellschaftlichen Austausch dar: Die “Generation Wikipedia” weiß im Zweifel die Glaubwürdigkeit einer Quelle abzuschätzen, Nachrichten bis zu ihrem Ursprung zu verfolgen und zu recherchieren, zu überprüfen und zu gewichten – für sich oder in der Gruppe. Journalisten mit Standesdünkel und ohne den Willen, diese Fähigkeiten zu respektieren, werden von diesen Nutzern nicht ernst genommen. Zu Recht. Das Internet macht es möglich, direkt mit den Menschen zu kommunizieren, die man einst Leser, Zuhörer oder Zuschauer nannte – und ihr Wissen zu nutzen. Nicht der besserwissende, sondern der kommunizierende und hinterfragende Journalist ist gefragt.
Und die Entwicklung entsprechender Kommunikationskanäle ist dabei besonders wichtig. Hier ist natürlich aktuell vor allem Twitter zu nennen. Das Alle für Alle Prinzip findet hier hervoragend seine effektive Anwendung, wobei natürlich auch in diesem System bereits Lug, Betrug, Spam etc. seine Verbreitung gefunden hat.
Böses gibt es überall. Auch im Netz. Da sollte so ein Manifest, so ein Schrieb mit revolutionärer Aufbruchstimmung nicht völlig unkritisch hingenommen werden. Das Netz ist kein Allheilsbringer. Aber löblich sind die Forderungen allemal und stärken das Selbstverständnis der Netzgemeinde, so heterogen sie auch sein mag.
Pro.
