Polanski mit Ehefrau Sharon Tate

Polanski und Tate

Der Fall dürfte in den letzten Tagen/Wochen genug durch die Medien gegangen sein. Es ist demnach nicht nötig, hier nochmal den Fall groß auszuführen: Berühmter Regisseur Roman Polanski wird in der Schweiz festgenommen, weil er vor ca. 30 Jahren mit der 13-jährigen Samantha Geimer geschlafen hat.

Es gibt einige Punkte die für und andere, die gegen die Verhaftung sprechen. Zunächst einmal: Prominentenbonus kann und darf es nicht geben. Nur weil einer gute Filme macht (Tanz der Vampire, Rosemaries Baby, Der Pianist u.a.), wiegen seine Verbrechen nicht mehr oder weniger schwer. Ich betone das auch aufgrund des Kommentars vom vorherigen Beitrag: Klar, die Popularität von Polanski sorgt für Aufmerksamkeit, hat aber mit meiner Meinung zum Fall nichts zu schaffen.

Zweitens: Auch die persönlichen Schicksalsschläge des Täters (KZ-Flüchtling, Ermordung seiner schwangeren Ehefrau Sharon Tate durch Charles Manson und Co.) können nicht als Entschuldigung herangezogen werden. Es ist mitnichten so, als das Polanski unter irgendeiner psychologischen Störung leiden würde die ihn veranlasst, auf kleine Kinder zu stehen.

Drittens: Dass der Zugriff ausgerechnet jetzt stattfindet, wo Polanski oft genug offen in der Schweiz und Co. gelebt hat, mag juristisch ziemlich merkwürdig sein, aber kann jawohl kaum gegen die Verhaftung sprechen, hat sogar gar nichts mit dem Fall zu tun. Nur weil ich z.B. warum auch immer einen Mörder 5 Jahre nicht verhafte ist er doch nicht plötzlich unschuldig.

Und trotzdem bin ich gegen die Verhaftung.

Zum einen ist es nicht so, dass Polanski mit einem 5-jährigen geschlafen hätte. Selbstverständlich zählen 13 Jahre noch zur Minderjährigkeit, aber man nähert sich da zumindest einem Grenzbereich, auf jeden Fall der Pubertät. Offensichtlich steht Polanski nicht wie ein Pädophiler einfach auf kleine Kinder, war und ist glücklich verheiratet und sonst nie in ähnlichen Fällen aufgefallen. Das Ganze ist in den wilden 70ern passiert (sexuelle Revolution, Drogen) und nachweislich waren in diesem Fall auch illegale Substanzen im Spiel. Das soll keine Verharmlosung sein, sollte aber auch nicht außer Acht gelassen werden.

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Samantah Geimer

Sex mit Minderjährigen gilt in Kalifornien automatisch als Vergewaltigung. Das Opfer hat nach eigener Aussage Polanski gesagt, dass es nicht mit ihm schlafen wolle. Er habe sie sogar mit entsprechenden Substanzen gefügig gemacht. Unter diesen Aspekten war es natürlich falsch, was Polanski getan hat, keine Frage. Zumal sie in einem Abhängigkeitsverhältnis zu ihm stand (ihre Mutter hatte sie zu Polanski gebracht damit dieser Fotos von ihr schieße), war in dieser fremden Villa und wollte nach Hause. Ich behaupte: Polanski war sich des Missbrauchs unzureichend bewusst. Er sah eine ziemlich junge, attraktive Frau und wollte mit ihr schlafen. Das „Gefügigmachen“ mit Drogen und/oder Alkohol, ich weiß nicht wie üblich das in diesen Kreisen war, es hatte aber wohl kaum etwas mit ihrem Alter zu tun. Der Fall zeigt klar die Gefahren der Selbstberauschung bei zu viel Macht, Erfolg und Einfluss.

Kein sehr positives Licht auf die geklärte Darstellung des Falles wirft übrigens die Behauptung, die Mutter des Opfers hätte zunächst Polanski um einen Millionenbetrag erpressen wollen bevor sie zur Polizei ging.

Dann ist da die Sache mit der Verjährung. Im letzten Spiegel wurde der sog. Rechtsfrieden erwähnt, sinngemäß: Irgendwann muss man die Dinge einmal ruhen lassen. Das Opfer ist inzwischen in ihren 40ern, glücklich verheiratet, hat 3 Kinder. Es hat keine bleibenden Schäden erlitten, Polanski verziehen und sogar selbst beantragt, dass das Verfahren gegen ihn endlich eingestellt werde. Die Frage ist: Wem nützt es etwas, wenn Polanski nun eingesperrt wird? Er selbst ist nie wieder negativ auffällig geworden, stellt also offensichtlich keine Gefahr für seine Umwelt dar. Das Opfer bekommt keine Genugtuung, im Gegenteil. Es leidet nach eigener Aussage unter dem Wiederaufrollen des Falles.

Im Spiegel wird die Frage gestellt, wieso man bei der Verhaftung von pädophilen Priestern applaudiert, sich aber bei Polanski aufregt. Die Gründe für die Aufregung sind sicherlich häufig falsch (toller Regisseur), aber hier verging sich eben kein krankhafter Mensch im besonderen Vertrauensverhältnis an kleinen Jungs sondern es schlief ein Regisseur in zu großer Ausschweifung seines Lebensstils mit einer zu jungen Frau. Das sollte man nicht unterstützen, aber auch nicht einfach gleichsetzen.

Hat Polanski etwas falsch gemacht? Sicherlich. Ist seine Verhaftung unter den Umständen des Falls jetzt angemessen? Nein. Beiden Betroffenen wird hier Leid angetan, ohne dass noch ein öffentliches Interesse bestanden hätte. Ein Argument für die Verhaftung könnte sein, dass der Fall sonst ein schlechtes Beispiel sein könnte und Pädophile glauben könnten, man könnte mit solch einem Verhalten davon kommen. Aber wie akut wäre dies nach über 30 Jahren, wenn die Verhaftung den Fall nun nicht wieder in die Schlagzeilen gebracht hätte?