Die Zeit reichte leider nicht, die ganzen Oscar-Kandidaten rechtzeitig zu schauen und ausführlich (gar in Videoform) zu behandeln. Also möchte ich an dieser Stelle ein paar Meinungen zu den Filmen in den Raum werfen, die ich bis jetzt gesehen habe (ausgenommen natürlich Django Unchained und Zero Dark Thirty).

Les Misérables

Les Misérables gilt ja als eines der ganz großen Musicals. Es gibt zwar schon eine TV-Fassung von Victor Hugos Buch „Die Elenden“ u.a. mit Gerard Depardieu, John Malkovich, Charlotte Gainsbourg und Veronica Ferres. Die wird aber selbst im Wikipedia-Artikel zum Stück nichtmal erwähnt. Ganz anders die Musical-Verfilmung von 2012, welche als Blockbuster gilt und ebenfalls ordentlich Star-Power aufbringen kann.

Die Story entspricht einem klassischen Drama ohne große Komplexität. Erste Hälfte des 19. Jahrhunderts in Frankreich: Der Häftling Jean Valjean (Hugh Jackman) wird nach 19 Jahren Zuchthaus entlassen, verbleibt aber unter der ewigen Verfolgung durch Inspektor Javert (Russel Crowe), der nicht daran glauben kann, dass Valjean ein besserer Mensch werden könnte. Dieser nimmt Cosette (Amanda Seyfried), Tochter der im Elend lebenden Arbeiterin Fantine (Oscar-prämiert: Anne Hathaway) zu sich, um ihr ein gutes Leben zu ermöglichen. Jahre später verliebt sie sich in den jungen Studenten Marius (Eddi Redmayne) und alle verstricken sich in einem revolutionären Aufstand des Volkes gegen die Armee.

Les Mis (wie die hippen Leute sagen) bringt alle Vor- und Nachteile mit sich, die so viele Musicals teilen. Auf der einen Seite ist die Story äußerst einfach, konstruiert und kitschig. Die große Kunst ist es, die alt bekannten und grundlegenden Gefühle von Sehnsucht, Liebe, Verrat etc. eindrucksvoll zu vermitteln. Doch trotz allem Zynismus (Jaja nun besingt sie wie schlecht es ihr geht / Jaja und die besingt ihre unerfüllte Liebe) kam ich nicht umhin, mich von der Inszenierung beeindrucken zu lassen. Je nach Geschmack kann man es nervig finden, dass wirklich 95% der Texte gesungen werden, also auch alle Passagen, die eigentlich nicht zu einem konkreten Lied gehören.

Aber, oh mann, da werden wirklich die Emotionen geweckt. Ich habe gehört, dass im Musical vergleichsweise häufig opernhaft nebeneinander rumgestanden und direkt ins Publikum gesungen wird. Ähnlich verhält es sich in der Verfilmung. Es ist wirklich beeindruckend, wenn Hugh Jackmann, Anne Hathaway und Co. minutenlang in Großaufnahme in die Kamera singen, zu weinen beginnen etc. Ganz große Schauspielkunst, vor allem wenn man bedenkt, dass hier ungewöhnlicherweise der (sehr gute) Gesang tatsächlich live am Set aufgenommen wurde (normalerweise wird sowas Monate vorher in Ruhe im Studio produziert und die Schauspieler bewegen beim Drehen dann nur die Lippen).

Wem es zwischendurch zuviel Drama wird, der kann sich über sehr lustige Zwischensequenzen mit dem Gaunerpaar Thénardier (Sacha Baron Cohen und Helena Bonham Carter) freuen, das entsprechend den gewählten Schauspielern tatsächlich wirkt, als wäre es direkt aus einem Tim Burton Film in die Story gesprungen.

Wer Musicals nicht leiden kann, wird auch mit Les Misérables nicht warm werden. Wer sich aber auf die klassischen, großen Emotionen einlassen kann, der kriegt hier eine sehr gute Verfilmung geliefert.

Argo

Argo basiert auf einem Artikel, der für sich in Anspruch nimmt, die wahren Hintergründe einer amerikanische Geiselbefreiung im Iran in den 1970ern aufzudecken. Demnach versteckt sich eine Gruppe Mitarbeiter der amerikanischen Botschaft nach deren Stürmung in der kannadischen Botschaft. Der Experte für solche Situationen, Tony Mendez (Ben Affleck), beschließt einen aberwitzigen Befreiungsplan, um die Geiseln aus dem mit anti-amerikanischer Stimmung aufgeheizten Land zu holen: Sie geben sich als kannadisches Film-Team aus, das den ausgedachten Science-Fiction-Streifen „Argo“ produzieren will und im Iran nach Drehorten sucht. Zusammen mit zwei Hollywoodgrößen (Alan Arkin, John Goodman) stellt er in kürzester Zeit die gefälschte Produktion zustande und fliegt anschließend in den Iran, um mit der Gruppe wieder auszureisen.

Argo wurde ja als bester Film mit dem Oscar ausgezeichnet. Das finde ich maßlos übertrieben. Es gibt genau drei Elemente, die den Film ausmachen: Die witzige 70er-Mode. Der kurze, aber sympathische Blick auf die Film-Landschaft des damaligen Hollywoods. Die Thriller-Dramatik der Geiseln, die sich inmitten eines fremden Landes befinden, deren wütendes Volk sie am liebsten am nächsten Baukran aufhängen würde.

Abgesehen von der guten, wenn auch wenig originellen Inszenierung der Spannungsfrage „Wird unsere Tarnung auffliegen?“ hat Argo erstaunich wenig anzubieten. Es gibt sehr viele Parallelen zu Zero Dark Thirty: Die Charaktere bleiben äußerst flach. So wirkt die Nebenstory von Mendez, der in Trennung von seiner Familie lebt und am Ende zu dieser zurückkehrt z.B. extrem aufgesetzt. Die Erfahrbarmachung einer politischen Situation steht eindeutig im Vordergrund. „Die da in Washington“ (Kyle Chandler) behindern mal wieder den Erfolg des Helden. Zudem gibt es so gut wie keine überraschenden Wendungen in der Handlung.

Während Zero Dark Thirty mich wegen seiner Überbewertung geradezu wütend gemacht hat, ist Argo meiner Meinung nach trotzdem ein guter Film. Dieser Rückblick auf eine eher unbekannte politische Episode in Kombination mit einem originellen Coup und fühlbarer Gefahr für die Geiseln macht schon was her. Vielleicht mag ich aber auch Hornbrillen einfach lieber als Nachtsichtgeräte.

Frankenweenie

Über Frankenweenie gibt es nicht so viel zu erzählen. Die Story ist komplett im Trailer zu sehen: Der junge Victor Frankenstein belebt seinen toten Hund Sparky wieder, seine Klassenkameraden tun das gleiche aus Eigennutz, das ganze geht schief und die Bewohner müssen sich mit Monstern herumschlagen. Eine putzige kleine Hommage an Frankenstein und andere Monsterfilme, mit Burton-typischen schrulligen Charakteren, einem morbiden Design und vielen Anspielungen. Der Look erinnert an Corpse Bride, ansonsten fühlt sich das Ganze aber etwas kleiner, unschuldiger und nostalgischer an. Hat mir sehr gefallen, würde ich aber z.B. nicht auf Blu-Ray kaufen.

Lincoln

Großer Oscar-Favorit, der dann doch eher schlecht abgeschnitten hat. Lincoln handelt in der Hauptsache von dem Kampf um die Verabschiedung des 13. Zusatzartikels der amerikanischen Verfassung – dem Verbot der Sklaverei – und parallel um die Friedensbemühungen des langanhaltenden Bürgerkriegs.

Der Film sieht gut aus und Daniel-Day Lewis spielt wiedereinmal großartig. Ich kam leider noch nicht in den Genuss seiner Stimme im Original zu lauschen, aber die Trailer versprechen da einiges. Während die Story des Films eher für Fans historischer Politik interessant sein dürfte, gibt es doch einige interessante Dinge zu erfahren, die vor allem vielen Deutschen nicht bewusst sein dürfte, z.B. dass damals eben die Republikaner die großen Sklavenbefreier waren während die Demokraten (nur aus politischem Kalkül?) die Rolle der Sklavereibefürworter übernahmen.

Trotz des vorhersehbaren politischen Hickhacks amüsiert vor allem Tommy-Lee Jones als grantiger, flammender Antirassist Thaddeus Stevens und eben die enigmatische Figur von Day-Lewis‘ Lincoln, der in seiner großen, dürren Art, der dünnen Stimme, der kindlichen Freude an lustigen Anektdoten so gar nicht wie der typische Präsident wirkt und deshalb interessant ist. Hinzu kommt seine melodramatische Ehefrau (Sally Field), die schon ihr erstes Kind an Krankheit verlor und nun um ihren Sohn (Joseph Gordon-Levitt) bangen muss, welcher sich freiwillig zum Kriegsdienst melden möchte. Die Streitereien zwischen ihr und ihrem Mann wirken wechselweise komisch und dramatisch und beleuchten sehr gut den persönlichen Hintergrund, vor dem Lincoln während seines politischen Spagats (Sklavenebefreiung und Frieden mit dem Süden aushandeln) stand.

Wer ohnehin kein Fan von historischen Biografiefilmen ist, wird es auch mit Lincoln schwer haben. Für ein bisschen Geschichtsunterricht und tolle Schauspielarbeit aber durchaus sehenswert.

Liebe

Regisseur und Drehbuchautor Michael Haneke ist nicht bekannt für leichte Kost. Nach dem Erfolg von „Das weiße Band“ hab ich mir von „Liebe“ viel erwartet. Eine Art vermittelte Wahrhaftigkeit jenseits üblicher Hollywooddramaturgie. Über die Liebe. Die Geschichte hat mich dann doch überrascht. Denn das Thema „Liebe“ verbirgt sich hier unter einer ganz großen Portion Traurigkeit.

Die Story lässt sich schnell zusammenfassen: Das alte Ehepaar Georges (Jean-Louis Trintigant) und Anne (Emmanuelle Riva) lebt glücklich zusammen in seiner großen Altbauwohnung. Nach einem Schlaganfall geht es mit Annes Gesundheit zunehmend bergab und Georges muss sie pflegen. Sie verliert zunehmend ihre Eigenständigkeit, wird katatonisch und stirbt schließlich.

Oberflächlich passiert nicht mehr. Doch dies ist ein Film der kleinen Dinge des Alltags, die in ihrer Gesamtheit Großes bedeuten. Kleine Gesten und Blicke. Die große Wohnung, angefüllt mit Erinnerungen an ein erfülltes Leben. Das Necken eines Paares, das sein Leben zusammen verbracht hat. Die Verzweiflung, einen geliebten Menschen langsam zu verlieren, sein Leben bestimmen zu müssen, ihm die Windeln zu wechseln. Die eigene Tochter abzuweisen aus Scham. George, der scheinbar in einem Rückblick seiner Frau beim Klavierspielen zusieht um anschließend hinter sich zu greifen und die Musikanlage auszuschalten.

Und, und, und. Ein sehr ruhig erzählter Film, mit zwei ganz großen Schauspielern. Selten hat mich ein Film so extrem berührt. Ich kann gut verstehen wenn man den Film langweilig oder vorhersehbar findet. Aber das ist schwer vorherzusagen. Ich fand ihn großartig und bewegend.