Richard Linklater ist für seine außergewöhnlichen Filmkonzepte bekannt. In der Before-Trilogie erzählt er die Geschichte eines Paares in einem Zeitraum von 21 Jahren, wobei er alle 7 Jahre einen Film mit den gleichen Schauspielern gedreht hat. Sein neuester Film verfolgt dieses Konzept in noch größerer Konsequenz: Boyhood verfolgt das Erwachsenwerden des jungen Mason (Ellar Coltrane) vom 6. Lebensjahr bis zum Eintritt ins College.

Zu Beginn des Films sind Masons Eltern bereits getrennt. Seine Mutter Olivia (Patricia Arquette) ist überfordert, versucht zu studieren, wechselt im Laufe der Jahre häufiger die Partner. Mason und seine Schwester Samantha (Richards Tochter Lorelei Linklater) ziehen häufiger um, erleben häusliche Gewalt, leben zeitweise mit neuen Geschwistern zusammen. Vater Mason Sr. (Ethan Hawke) ist mal mehr, mal weniger da, lebt sein eigenes Leben und hat schließlich eine weitere Familie.

Boyhood ist nur schwer mit herkömmlichen Filmen zu vergleichen. Es gibt keinen Plot im üblichen Sinne, keine außergewöhnlichen Ereignisse. Vielmehr wird versucht, so gut es eben geht, das Leben abzubilden. Und das besteht eben nicht aus einer durchgehenden Geschichte, sondern aus kleinen Episoden, geprägt von sich verändernden Ansichten, beeindruckenden Erlebnissen und neuen Lebenssituationen. Freunde kommen und gehen, kichernd wird in Sexmagazinen geblättert, der Vater auf einem Campingtrip um Rat in Liebesdingen gefragt.

Das Tolle an Boyhood ist das Vermeiden von Klischees. Schlechtere Filme würden klare Rollen zeichnen: Die Mutter mit wenig Zeit für die Kinder, der verantwortungslose Vater etc. Die Charaktere in Boyhood sind in ihrer Ambivalenz aber absolut glaubwürdig. Patricia Arquette mimt wunderbar eine Frau, die zu jung Mutter geworden ist und gleichzeitig versucht sich selbst zu finden und für ihre Kinder zu sorgen. Sie liebt ihre Kinder, gibt ihnen aber auch manchmal die Schuld an ihren Problemen. Sie ist für sie da, wird aber auch mal schmerzlich vermisst. Gleiches gilt für den Charakter von Ethan Hawke. Mason Sr. ist ein Freigeist, der aber unbedingt ein guter Vater sein möchte. Er will geliebt werden und versucht mit viel Spaß die kurze Zeit zu füllen, die er mit seinen Kindern hat. Gleichzeitig bemüht er sich, so viel Erziehung in die kleinen Treffen zu packen wie möglich.

Nach Jahren, wenn Mason Jr. selbst den Beginn seines wilden Erwachsenendaseins feiert, wird sein Vater ihm plötzlich seltsam spießig vorkommen, während seine Mutter mit Masons Ausszug das Gefühl bekommt, ihr Leben hätte mit diesem Meilenstein von nun an nichts mehr zu bieten. Solche Momente sind eben das – Momente. Sie bestimmen nicht die Handlung, sondern sind Gedanken und Gefühle, die sich in bestimmten Situationen bahnbrechen, während am nächsten Tag wieder etwas anderes passiert. Das Philosophieren über das eigene Leben und banale Alltagsgedanken wechseln sich immer wieder ab.

Die außergewöhnlich lebensnahen Darstellungen in Boyhood sind untrennbar mit der Entstehungsgeschichte verknüpft. Wie schon in der Before-Trilogie wurden die Dialoge und Charaktere stets zusammen mit den Schauspielern entworfen und häufig stark improvisiert. Ein Ethan Hawk in seinen 20ern denkt eben anders über die Rolle eines Vaters als mit 40. Und während ein 6jähriger noch freudig zu seinem Dad rennt wenn der mal aufkreuzt, ist Mason Jr. mit 12 schon reservierter und gefällt sich mit 17 in der Rolle des sensiblen Künstlers / zynischen Besserwissers, der nicht weiß wohin mit seinem Leben. Die Leistung der Darsteller ist mit leichter Ausnahme von Lorelei Linklater außerordentlich.

Boyhoods Darstellung von Jugend wirkt zeitlos, obwohl sie klar in der Zeit verhaftet ist, in der der Film entstanden ist. Immer wieder erinnert einen die verwendete Musik daran, in welchem Jahr man sich befindet und Mason macht eben jene Modephasen mit, die sein Charakter in dem Jahr vielleicht ansprechend findet. Natürlich könnte man mit Recherche, Schminke, verschiedenen Schauspielern etc. die Entwicklung einer Familie auch in kurzer Zeit nachstellen. Doch in Boyhood sehen wir eben the real thing. Der Junge wird wirklich älter. In einigen Jahren kaum zu bemerken, in der Pubertät dann plötzlich innerhalb von 30 Minuten sehr deutlich. Und man muss nicht inszenieren, wie Mode, Musik und Gadgets vor 12 Jahren aussahen. Die Macher konnten jedesmal den ihnen bekannten Alltag ablichten.

Fazit: Boyhood ist ein toller Film. Nicht nur weil er in seiner Machart eine Einzigartigkeit besitzt, sondern weil er einem in 136 Minuten kondensiert spüren lässt, was Kindheit bedeutet. Man spürt hier eine Dokumentation des Lebens, die nicht durch eine künstliche Geschichte konstruiert wirkt. Wer eine spannende Story sucht, wird hier nicht fündig werden. Boyhood ist für Kindheit das, was die Before-Trilogie für Liebe & Partnerschaft ist. Weniger eine Aussage als vielmehr ein Gefühl. Der Versuch, das Leben spürbar zu machen, in Form eines Films.

Bonus-Fazit: Wie Tree of Life, minus kryptische Theatralik und christliche Symbolik, plus das feel good eines Indiefilms.