Oscars 2010

oscarsSo, die Oscars 2010 wurden vergeben. Der große Kampf zwischen Hurt Locker und Avatar ist entschieden, eine lange Nacht zu Ende gegangen und das Wort Mittelmaß ganz neu geprägt.

Um es vorne weg zu sagen: Ich mag die Oscars. Es ist mir egal dass nicht unbedingt immer die besten Filme gewinnen und dass das Ganze ziemlich USA-zentriert ist. Die Oscars sind nicht die Welt, auch wenn viele so tun. Natürlich wird alles überhöht, das macht ja auch den Reiz an der Sache aus. Preisverleihungen gibt es wie Sand am Meer, aber so ein Spektakel wie die Oscars gibt es nur einmal. Man sollte den künstlerischen Ernst zu Hause lassen, eine gute Show erwarten und wie bei jedem Wettbewerb das Ganze nicht so ernst nehmen. Für den eigenen Favoriten jubeln, die persönlichen Todfeinde ausbuhen, aber nicht gleich den Untergang des Abendlandes ausrufen, wenn der eigene Lieblingsfilm nicht gewinnt.

Filme existieren auch ohne die Oscars. Viele von den Nominierten hat man (legal) hierzulande ohnehin noch nicht gesehen, es sind also sowieso Vorurteile und ähnliche Faktoren, die die persönlichen Favoriten bestimmen. Es geht um die Show! Und wenn die mies ist, sind die Oscars mies. Und die Oscars 2010 waren mies.

Kurz und schnell, wie die Oscars: Steve Martin und Alec Baldwin als Hosts waren grauenhaft, wirkten wie zwei Mumien, die sich auf ihrem alten Ruhm ausruhen. Ein paar gute Gags, ein paar schlechte, häufige Abwesenheit. Die Abwesenheit wurde mit nichts gefüllt. Es gab eine fehlplatzierte Ausdruckstanznummer zu den nominierten Soundtracks, einen lieblos zusammengeklatschten Zusammenschnitt älterer und neuerer Mainstreamhorrorfilme, eine einzige, fehlplatzierte Musicalnummer mit Neil Patrick Harris am Anfang, die an die tolle Moderation von Hugh Jackmann 2009 erinnert. Von mir aus hätte Harris ruhig weitermachen und Martin und Baldwin in ihrer Gruft bleiben können. Einzig die Ehrung von John Hughes mit den bekannten Coming-of-Age-Stars aus den 80ern war nett. Die Memorials mit den verstorbenen Hollywoodgrößen lassen Farrah Fawcett aus und verpassen jedem eine Berufsbezeichnung außer Michael Jackson, dem Über-Gott.
Und es wurde gehetzt. Es hatte fast schon komödiantische Züge wie fix die Preise vergeben wurden, Schlag auf Schlag. Tom Hanks macht sich gar nicht mehr die Mühe am Ende die Nominierten für den besten Film aufzuzählen. Ehrwürdig und ehrenvoll geht anders. Wo waren Stil und Charme, die beschwingte Leichtigkeit, die die Oscars in ihren besten Zeiten präsentierten, auch 2009?

Zu den Preisen: Keine große Überraschungen. Christoph Waltz bester Nebendarsteller, das weiße Band geht leer aus. Die dt. Presse ist am rumjammern/feiern, albern. Waltz und Haneke stehen da drüber. Kathryn Bigelow hat ihren Ex-Mann Cameron mit 6 zu 3 Oscars geschlagen, Avatar konnte nur in den technischen Kategorien punkten, sehr gut. Ich hab Hurt Locker zwar nicht gesehen, aber Avatars Nominierungen in anderen Bereichen als der Technik waren einfach nicht berechtigt. Jeff Bridges wie zu erwarten endlich bester Hauptdarsteller (für Crazy Heart, seine 5. Nominierung), Sandra Bullock beste Schauspielerin. Ich hab The Blind Side noch nicht gesehen, aber ich fand Bullock als Schauspielerin in all ihren bisherigen Filmen immer grässlich (auch wenn sie als Mensch ne dufte Type zu sein scheint). Beste Nebendarstellerin wurde Mo‘Nique, als brutale Mutter in dem Sozialdrama Prescious, der ganz oben auf meiner To-Watch-Liste steht.

Also Fazit: Aufbleiben hat sich gelohnt weil man einige tolle Filme präsentiert bekommen hat, aber die Veranstaltung an sich war zu lang UND zu gehetzt, da fehlte Glamour. Und: Was zum Teufel haben Leute wie Miley Cyrus und Zac Efron auch nur in der Nähe eines Oscars zu suchen? Die sind da ebenso fehl am Platze wie Steve Martin und Alec Baldwin als Moderatoren, so toll ich Martin in vielen seiner Rollen auch finde.

Die Gewinner:

  • Bester Film “The Hurt Locker” (Produktion Kathryn Bigelow, Mark Boal, Nicolas Chartier, Greg Shapiro)
  • Hauptdarstellerin Sandra Bullock, “The Blind Side”
  • Hauptdarsteller Jeff Bridges, “Crazy Heart”
  • Nebendarstellerin Mo’Nique, “Precious”
  • Nebendarsteller Christoph Waltz, “Inglourious Basterds”
  • Regie Kathryn Bigelow, “The Hurt Locker”
  • Nicht-englischsprachiger Film “El Secreto de Sus Ojos”, Argentinien
  • Adaptiertes Drehbuch Geoffrey Fletcher, “Precious” nach dem Roman “Push” von Sapphire
  • Original-Drehbuch Mark Boal, “The Hurt Locker”
  • Kamera Mauro Fiore, “Avatar”
  • Schnitt Bob Murawski und Chris Innis, “The Hurt Locker”
  • Ausstattung Rick Carter, Robert Stromberg und Kim Sinclair, “Avatar”
  • Kostümdesign Sandy Powell, “The Young Victoria”
  • Ton Paul N.J. Ottosson und Ray Beckett, “The Hurt Locker”
  • Ton-Schnitt Paul N.J. Ottosson, “The Hurt Locker”
  • Maske Barney Burman, Mindy Hall und Joel Harlow, “Star Trek”
  • Spezial-Effekte Joe Letteri, Stephen Rosenbaum und Andrew R. Jones, “Avatar”
  • Original-Filmmusik Michael Giacchino, “Up”
  • Original-Song Ryan Bingham und T Bone Burnett, “The Weary Kind” aus “Crazy Heart”
  • Kurzfilm Joachim Back und Tivi Magnusson, “The New Tenants”
  • Animationsfilm Pete Docter, “Up”
  • Animations-Kurzfilm Nicolas Schmerkin, “Logorama”
  • Dokumentarfilm Louis Psihoyos und Fisher Stevens, “The Cove”
  • Kurz-Dokumentarfilm Roger Ross Williams und Elinor Burkett, “Music by Prudence”
  • Kai

    Moin, teile deine Meinung. Die Oscar-Verleihungen waren ein Witz, die Performance von Baldwin und Martin…Performance? Die Preise hingegen waren berechtigt, und es freut mich, daß der völlig überhypte Avatar “nur” drei Oscars erhalten hat. “Hurt Locker” kenne ich nicht – was ein Wunder ;) Aber genau dieser Umstand wird sich wohl für viele Filminteressierte in Kürze ändern. :D Hervorheben kann ich nur Bigelows Kommentar, daß diese Auszeichnung zeigt, daß für den Oscar tatsächlich noch Inhalte und nicht (ausschließlich) Status und Mammon zählen. Ich möchte dem glauben und freue mich mit ihr :)
    Zur Nicht-Auszeichnung des deutschen Beitrages sage ich ebenfalls: recht so! Warum muss ausgerechnet so ein Film mit Prädikat versehen werden, dessen Brillianz darin besteht, mir die Fehler einer längst vergessenen Generation unter die Nase zu reiben in einer polarisierenden Art und Weise, die in ihrem Extrem schon wieder plump wird? Nein, da gibt es sicherlich besseres – und das hat auch die Oskar-Verleihung (glücklicherweise) gezeigt..