muse-the-resistanceMuse sind zurück, das neue Album nennt sich „The Resistance“. Mein Verhältnis zur Band ist wie ihr Stil: ziemlich ambivalent. Man könnte sagen, Muse haben das Genre New Prog gerade zu mitbegründet. Ihr Durchbruch Origin of Symmetry war geradezu bombastische Tragik, ein Weltuntergang aus Chaos und Klavier, irgendwie nicht von dieser Welt. Ich habe das daher immer gerne Space Rock genannt. Das letzte Album, Black Holes and Revelations, hat dann ziemlich die Gemüter gespalten: Die einen freuten sich, dass Muse sich eher poppigeren, zugänglicheren Strukturen geöffnet haben. Es gab weniger Brüche, der Sound war von undurchschaubaren Verzerrungen befreit, wurde zunehmend elektronisch dominiert. Andere verurteilten diese Simplifizierung. Wo war das Geniale, das Übermenschliche geblieben? Musik, die einen träumen lässt und sich zugleich wie ein wildes Tier den Gehörgängen zu entziehen versucht? Ich fand die alten Alben bewundernswert, hatte aber immer mehr Spaß mit Black Holes and Revelations. Auch wenn das ab und zu wieder zu simpel war und ich mich dann lieber vom Chaos überwältigen lies.

The Resistance ist das fehlende Bindeglied zwischen der Vergangenheit und der Zukunft, und bietet trotzdem eine eigene Qualität. Man könnte auch sagen, Muse wollen es allen Recht machen. Für die Dancefloors gibt es die erste Singleauskopplung Uprising, bei der der Titel Programm ist und somit einen guten Einstieg ins Album bietet.

Das Titelstück Resistance kombiniert ein sphärisches Klavier, queen-artige Chöre und Bombastrock. Ein gutes Beispiel für das ganze Album: Jeder kriegt seins und muss sich fragen, ob es mit dem Rest harmoniert. Undisclosed Desires kommt komplett ohne Gitarren daher und wirkt, als wollten Muse mal ein RnB-Song aufnehmen. Daher kommt das Ganze etwas eintönig daher, auch wenn der Sound angenehm brutzelt und von einem Ohr zum anderen wandert. Muse haben hier erstmals ihr Album selbst produziert und die Liebe zur klanglichen Perfektion ist dem ganzen Album anzuhören.

Wer nach diesem kleinen Durchhänger die Deckung fallen lässt, ist den United States of Eurasia hilflos ausgeliefert. Das entführt uns zunächst mit einem intimen, hollywoodschen Klavier in die 50er Jahre, überrascht uns wieder mit Queen, geht in ein bombastisches Oriental über (Lawrence of Arabia, I‘m loving it!), bringt ein imaginäres Stadion zum Mantraruf „EuraSIA!“ um sich schließlich zu einem Klavierstück von Chopin zu beruhigen und von Disney-esken Chören nach Hause gebracht zu werden. Großes Kino!

Es folgt die Hymne Guiding Light. Die klingt leider ziemlich gewollt, erinnert stark an U2 und dümpelt viel zu lange ohne Abwechslung vor sich hin. Wie ein Starlight ohne die hookige Melodie. Ich weiß nicht, ob es am enttäuschenden Guiding Light liegt, aber Unnatural Selection haut mich dann wieder von den Socken. Von Anfang an prescht der Groove los wie zu besten New Born Zeiten. Gerade wenn man meint, es fehle an Abwechslung, nimmt der Song das Tempo heraus und eine schwer atmende Gitarre quält sich durch das Nichts und wird von Matthew Bellamy langsam zur ewigen Ruhe gesungen. Und dann, wenn alles schläft, prescht wieder dieser Groove nach vorne, Bellamy fordert: I want the truth! Und ein fast schon zu böse klingendes Riff macht den Deckel zu. Fein fein!

MK Ultra präsentiert sich als ziemlich bedeutungslos. Es hört sich komplett nach Muse an, hat aber kein einziges, originelles Element. Der Sounds brutzelt wieder angenehm, aber gerade auch das gewollt kraftvolle Ende ist gerade dies nicht. Muss man nichts zu sagen. I belong to you (mon cœur s’ouvre à ta voix) ist nicht spektakulär, aber sympathisch. Das Klavier entführt uns diesmal subtil nach Sizilien, ein Blubberbass klettert schelmisch die Tonleiter rauf und runter, während wir uns langsam vom Lagerfeuer wegbewegen und zu einem Tänzchen unter dem Sternenzelt wechseln. Bellamy gibt sich redlich Mühe seine Stimme zu dehnen, während sein angenehmes Vibrato langsam Gesellschaft von einer leisen Oboe bekommt, die uns wieder an das Lagerfeuer zurückführt. Höfischer Ball und mediterrane Folklore: Eine ungewöhnliche, aber funktionierende Kombination.

Wir kommen zum sinfonischen Abschluss des Albums, nämlich zur dreigeteilten Symphonie Exogenesis. Die Overture erinnert zunächst an Synthie-Experimentierlaune, wird dann aber auch wieder von der dreckigen Gitarre in den wilden Westen des Andromedanebels entführt. Das hat schon bei Knights of Cydonia funktioniert und kommt diesmal subtiler daher. Nett. Cross-Pollination lässt uns teilhaben, wie ein Klavier einen Vogel durch das Weltall begleitet, er steigt in Planetentäler hinab, umrundet Sternennebel und gerät urplötzlich in den Gerichtshof des intergalaktischen Rates: Hier geht es um nicht weniger als das Schicksal des Universums: Spread our codes to the stars / You must rescue us all / Tell us / tell us your final wish / We will tell it to the world. Wie erfahren nicht, wie die Entscheidung ausfällt, der Klaviervogel entführt uns wieder in die Weiten des Alls. Redemption ist das Ende und ist der Neubeginn. Jede Taste des Klaviers schlägt Wellen, breitet sich aus in Raum und Zeit. Streicher erwachsen aus dem Nichts, werden lauter.

Let’s start over again 
Why can’t we start it over again?
Just let us start it over again
And we’ll be good 
This time we’ll get it… 
We’ll get it right
It’s our last chance to forgive ourselves

Langsam tragen die Streicher das Klavier hinfort.

Ich mag das Album. Auch wenn einige Songs nur durchschnittlich sind für Muse, so kombinieren sie doch die Dinge aus Origin of Symmetry und Black Holes and Revelations die ich mochte und lassen das weg, was ich weniger mochte. Die Songs wühlen einen auf, lassen einen in einem Moment die Fäuste in den Himmel strecken und im anderen wohlig die Augen schließen und träumen. Inspirierend. Pure Muse.

Pro.