Metropolis – Das alte Avatar

metropolis posterGestern wurde die restaurierte Fassung des wohl populärsten Stummfilmklassikers aller Zeiten unter großem Getöse in Berlin uraufgeführt: „Metropolis“. Der Film gilt als Meilenstein der Filmgeschichte und Mutter des Science Fiction. Das berühmte Werk von Fritz Lang (M – Eine Stadt sucht einen Mörder) trieb mit seinen immensen Kosten die Ufa in den Ruin, die Crew an den Rand des Nervenzusammenbruchs und sorgte am Ende für bescheidene Reaktionen beim Publikum. Erst in den späteren Jahren zeugten zahllose andere Werke von der wegweisenden Inspiration, die Metropolis inne wohnt.

Die Geschichte handelt von einer riesigen Stadt, in welcher eine strikte Trennung zwischen zwei Klassen herrscht: Die Arbeiter im dunklen Untergrund und die Bourgeoisie  in den strahlenden Wolkenkratzern. Der Sohn des Leiters von Metropolis, Freder, verliebt sich in das Arbeiter-Mädchen Maria. Dieses predigt den Arbeitern ein Ende ihrer Qual und verheißt einen Mittler zwischen Hand (=Arbeiter) und Hirn (=Bourgeoisie): Das Herz, welches die Klassen versöhnen wird. Im Auftrag von Freders Vater, Joh Fredersen, erschafft der Erfinder Rotwang einen Maschinen-Menschen, der Maria aufs Haar gleicht. Die Maschine wiegelt die Arbeiter zum Aufstand auf und die Stadt fällt ins Chaos. Letztlich versöhnt Freder die aufgebrachten Arbeiter mit seinem entsetzten Vater.

metropolis01Der große Kritikpunkt an Metropolis ist seine einfache und naive Story. Es vermischen sich Heilandskunde, Klassen- wie Revolutions- und Industrialisierungskritik, welche am Ende mehr als simpel aufgelöst werden: Man brauche nur ein gutes Herz und alles wird gut. Oft als kitschig bezeichnet, wurde die Geschichte vor allem Drehbuchautorin Thea von Harbou zur Last gelegt, während sich Regisseur Lang mehr auf die technische Umsetzung konzentrierte.

metropolis05Und diese ist dann auch der Glanzpunkt des Films. Es sind nicht nur die für damalige Zeit spektakulären Spezialeffekte und die pure Größe des Films, sondern vor allem auch die visionäre Kraft seiner Bilder. Eindrucksvoll z.B. die große Herz-Maschine, welche sich in den Augen Freders in eine Bestie aus Stahl verwandelt und seine Arbeiter verschlingt, welche sogleich von neuen Menschen ersetzt werden. Menschen, die in einem auf Schichten ausgerichteten Zeit-Takt (das 10-Stunden-System) leblos wie Zombies zur Arbeit trotten, nur ein weiterer Teil der Maschine. Oder die Erschaffung des neuen Menschen: Des Cyborgs. Zunächst ein C-3PO-Look-Alike, schließlich der perfekte Mensch, der die herkömmlichen Menschen mit seinen Versprechungen in den Wahnsinn treibt: Der Fortschritt vernichtet seine Wurzeln. Der Film arbeitet hier stark mit religiösen Motiven, vor allem mit dem Turmbau zu Babel. Letztlich sind die Massen so im Wahn, dass sie fast ihre eigenen Kinder ersäufen, in mittelalterliches Verhalten zurückfallen und die „Hexe“ auf dem Scheiterhaufen verbrennen.

Der Film versteht es eindrucksvoll, Verhältnisse zwischen Tradition und Moderne, Religion und Logik, Mensch und Maschine darzustellen und zu hinterfragen. Wie so oft gilt: Die Fragen, die ein Film aufwirft, sind gut. Die Antworten (=Kitsch, Stereotypen) hätte er sich sparen können.

metropolis_dronesIch mag die Vergleiche zwischen Avatar und Metropolis übrigens nicht. Technik allein macht einen Film nicht wertvoll, finde ich. Sie muss schon in Symbiose mit dem Inhalt bzw. den gewählten Bildern etwas Neues schaffen. Man hätte die 3D-Technik auch in einem völlig anderen Film verwenden können und dann wäre der eben das große Kino gewesen. Nur weil ein fiktiver Dschungel so gut wie real aussieht, bleibt er trotzdem erstmal nur ein Dschungel. Metropolis hat seine Technik genutzt, um Inhalte vermitteln, keine Optik. Avatar nicht.

P.S. Nein, ich habe Avatar leider nicht in 3D gesehen, aber wenn die Meinungen nur sind „Sieht toll aus“, „Sieht sehr realistisch aus“ dann ist es eben auch nicht mehr als eben das. Sicherlich ein geniales Erlebnis, aber kein künstlerischer Verdienst des Films. Ich freue mich auf Filme, die diese Technik nutzen werden um tatsächlich die Sicht auf die Welt zu verändern anstatt einfach nur tolle Immersion auf eine Pocahontas-Story draufzuklatschen.

P.P.S. Okay, genug mit dem Avatar-Rant. Eigentlich ging es ja um Metropolis. :-)

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  • Kai

    Ich mag deine Filmkritiken. :-) Was mir hier fehlt ist dein Eindruck zum Remake im Gegensatz zum Original – ich habe es so verstanden, dass du beide Versionen kennst? Schönen Gruß, Kai

  • http://www.moosbett.de tomhartig

    Nun, das ist wie bei Michael Jacksons Tod: Die Veränderung des Status Quo ist Anlass, das Werk / den Künstler noch mal zu feiern. Wirklich Neues gibt es dabei gar nicht zu betrachten. Die bisher fehlenden Szenen sind neben einigen leicht verlängerten Dialogen soweit ich mich erinnere zusätzliche Aufnahmen der Flutung des Arbeiterviertels (meiner Meinung nach zu langgezogen, aber damals war die Szene vermutlich sehr spektakulär) und ein kleiner Subplot, in dem ein von Freder befreiter Arbeiter (Rollentausch der Marke der Prinz und der Bettler) vom “Schmalen”, dem Bodyguard von Joe Fredersen bedroht wird. Ändert inhaltlich nichts am Gesamtwerk und fügt nichts wesentliches hinzu.

    Daran kranken übrigens meiner Meinung nach viele Directors Cuts von Filmen: Wenn Szenen gekürzt werden, hat das oftmals gute Gründe. Einfach alles gedrehte Material wieder in einen Film reinzustopfen macht einen Film nicht unbedingt besser, auch wenns in Form von entfallenen Szenen natürlich für Interessierte spannend sein kann, was für Ideen noch vorhanden waren. Bei Metropolis greift der Vorwurf natürlich nicht, die Szenen wurden ja nicht absichtlich geschnitten. Aber gerae bei heutigen Sehgewohnheiten würde dem Film eine kürzere Laufzeit ganz gut tun. Muss ja nicht gleich Michael Bay sein.

  • Kai

    Uff, ja, Michael Bay hat stark nachgelassen – aber vermutlich wird er genauso Sklave der Hollywood-Studios sein wie alle anderen.
    Über Directors Cuts lässt sich in der Tat streiten: im ursprünglichen Sinne hieß DC ja nicht “pack alles rein, was wir haben” sondern “so wollte es der Regi ursprünglich haben” – wobei das eine das andere nicht ausschließt, zugegeben ;) Der Blade Runner DC ist z.B. ein Positiv-Beispiel. Allerdings nerven schon die DVD-Versionen div. aktueller Hollywood-Streifen mit “zwei noch nie zuvor gezeigten Minuten”, die man dann im Endeffekt gar nicht wahrnimmt oder die völlig belanglos sind – oder beides :D