Jeder darf seine Meinung haben. Wer diese aber öffentlich äußert, muss mit Kritik rechnen. Und vor allem sollte er sich Gedanken machen, WANN er sie äußert. Eva Herman, mir persönlich ausschließlich bekannt durch ihren Hitlerskandal und ihr seltsames Frauenbild, scheint sich ganz andere Gedanken zu machen. Sie nutzt die „Gunst“ der Stunde, nämlich die Medienpräsenz der Loveparade in Duisburg aufgrund der Massenpanik, welche derzeit 19 Tote und unzählige Verletzte forderte, um über die Veranstaltung und ihre Teilnehmer herzuziehen.
Frau Herman hat keine 24 Stunden nach dem Unglück nichts besseres zu tun, als in einem Artikel auf Kopp Online die Raververanstaltung als Vorzeichen für das Ende der Welt zu deuten bzw. es damit zu vergleichen. In gewohnt intoleranter und arroganter Altklugheit bescheinigt sie den Partygängern Kulturverfall und Verlust sämtlicher Werte und den Amtsträgern eine eigennützige Anbiederung an die Jugend. Die Loveparade sei kein Fest der Liebe, sondern eine „riesige Drogen-Alkohol und Sexorgie“. Das mag zum Teil stimmen. Aber deswegen die Feiernden zu verurteilen grenzt an Menschenverachtung. Der Subtext des Artikels meiner Meinung nach: “Selber Schuld.” Herman mokiert sich über den Tanzstil und erinnert dabei an Walter Ulbrichts Ausspruch: „Mit der Monotonie eines Yeah Yeah Yeah oder wie das heißt muss man doch mal Schluss machen“ (o.ä.). Wer die Jugend nicht versteht, verurteilt sie, was? Wie jemand feiert, sagt nichts über ihn als Mensch aus. Aber Frau Herman lebt halt in ihrer eigenen, sittsamen 50er-Jahre-Welt. Dass sie in ihrem Artikel die „Schöpfung“ bemüht, brauche ich fast gar nicht mehr erwähnen.
Vollkommende Lächerlichkeit dann in der folgenden Kausalkette: Die unheilvollen Auswüchse der Jetztzeit sind, bei Licht betrachtet, vor allem das Ergebnis der Achtundsechziger, die die Gesellschaft „befreit“ haben von allen Zwängen und Regeln, welche das „Individuum doch nur einengen“. Wer sich betrunken und mit Drogen vollgedröhnt die Kleider vom Leib reißt, wer die letzten Anstandsrnormen feiernd und tanzend einstürzen lässt, und wer dafür auch noch von den Trägern der Gesellschaft unterstützt wird, der ist nicht weit vom Abgrund entfernt. Die Achtundsechziger haben ganze Arbeit geleistet!“ Danke, Frau Kulturwächterin!
Ich dachte, schlimmer als Duisburgs Bürgermeister Sauerland (sagte, an dem Sicherheitskonzept der Veranstaltung lässt sich nix aussetzen) kanns nicht mehr werden. Ich habe mich geirrt. Der Artikel (inzwischen immerhin gelöscht und nur noch per Cache aufrufbar) wäre zu anderen Zeiten schon lächerlich gewesen, aber heute ist er einfach geschmacklos.

