Es gibt Themen, da gehen die Chancen einer sachlichen, unaufgeregten Diskussionen gegen Null. Zu beobachten ist das wiedereinmal in der medial fast noch aktuellen, jüngst aufgewärmten Diskussion um Sexismus gegenüber Frauen in Deutschland.

Derzeitiger Anlass zur Aufregung ist der Kommentar des Bundespräsidenten Gauck, dass der #Aufschrei über Sexismus und seine Popularität ein falsches Bild zeichne und dass das Problem gar nicht so groß sei, wie behauptet (O-Ton: „Tugendfuror“). Es folgte natürlich unmittelbar Kontra von der Gegenseite.

Ich will gar nicht groß über Sexismus an sich reden. Es gibt ein paar Indikatoren zum Thema (registrierte Fälle, Anzahl und Art von Tweets zum Hashtag #Aufschrei etc.), die jeder nach eigenem Gutdünken interpretiert, mit persönlichen Erfahrungen kombiniert und daraus seine Schlüsse zieht. Erstens sieht das Ausmaß des alltäglichen Sexismus im Ergebnis dann bei jedem anders aus. Zweitens meint dann jeder für sich, wie schlimm dieses Ergebnis ist. Drittens hat dann jeder eine andere Meinung, ob, in welcher Weise und wie stark etwas unternommen werden muss.

Natürlich sind das genau die Variablen, die in der Debatte durchgesponnen werden. Selbst wenn man sich auf Zahlen einigen kann und z.B. sagt: Heutzutage haben X von Y Frauen Erfahrungen mit Sexismus gemacht.

Reaktion A Das ist unglaublich. Wir können nicht aufhören, bevor 0 von Y Frauen solche Erfahrungen gemacht haben.
Reaktion B Früher waren es X+Z von Y Frauen. Läuft doch bestens.
Reaktion C Was nennen wir denn alles Sexismus? Ein Kompliment für gutes Aussehen kann es doch nun auch nicht sein.
Reaktion D Und was ist mit Sexismus gegenüber Männern?

Wir bewegen uns also in einem sehr nebligen Feld, das sehr unterschiedlich interpretiert werden kann. Es ist nicht zu erwarten, dass die aktuellen Diskussionen daran viel ändern.

Das Problem liegt im mangelnden Respekt gegenüber der jeweiligen Gegenseite. Bei emotionalen Themen (wir erinnern uns an Kinderpornografie und Netzsperren) tritt ein gewisses Akzeptanzproblem von antireaktionären Einstellungen auf: Wie kann es jemand wagen den Kampf gegen eine Sache zu kritisieren, die doch offensichtlich böse ist?

Wer wie u.a. Gauck das angesprochene Problem relativiert, begeht in den Augen derer, die das Problem als ein großes ansehen, eine Sünde und wird als Gegner wahrgenommen. Sofort werden Argumente gebracht, die ihn als Diskussionsteilnehmer disqualifizieren sollen: Er ist ein Mann. Er ist ein hoher Beamter aus der High Society. Wie kann der sich erdreißten, den Sexismus kleinzureden, den wir Frauen täglich erleiden müssen? Man bemerke das durch Popularität der Bewegung getragende Wir-Gefühl, als würde man ohne Zweifel alle Frauen, zumindest aber eine relativ große Anzahl an Frauen mit Sexismuserfahrungen repräsentieren.

Umgekehrt ist es ebenso falsch, wenn die #Aufschrei-Kritiker zwar richtiger Weise sagen, dass die relative Popularität der Debatte in den Medien kein Beweis für das konkrete Ausmaß des Sexismus sei, aber gleichzeitig den Umkehrschluss vollziehen, dass das Problem nicht existiere. Es wird automatisch angenommen, dass die Medienmechanismen wiedereinmal viel heiße Luft produzieren. Die #Aufschrei-Befürworter werden also zu Furien, zu aufgeschreckten Hühnern oder sonstigen beleidigenden Begriffen gemacht.

Ich habe in der Debatte sowohl Vertreter der „Schwanz ab!“-Fraktion wie auch der „Frauen sind eben geil!“-Fraktion gesehen. Die kann man beide mit ihren Vereinfachungen in die Tonne kloppen. Schade ist aber, wenn in der Mitte keinen gemeinsamen Standpunkte erarbeitet werden können, weil man grundsätzlich jedem misstraut, der nicht uneingeschränkt die eigene Fahne hochhält.

Ich habe schonmal gesagt, dass ich #Aufschrei gut finde. Nicht weil es unglaublich originell wäre zu sagen, dass es Sexismus gibt. Sondern weil es notwendig ist, diese Tatsache den Leuten alle paar Jahre mal wieder ins Gedächtnis zu rufen, damit sie die vermeintliche Normalität ihres Alltags hinterfragen.