Kruzifix in Schulen

Ich bin wie immer einige Tage zu spät, möchte aber gern trotzdem meinen Senf zur Kruzifix-Debatte beitragen, ausgelöst von Niedersachsens neuer Sozialministerin Aygül Özkan (die, man glaubt es kaum, von der CDU kommt).

Zunächst mal: Kreuz- und Kopftuchdebatte sind zwei unterschiedliche Themen. Das eine ist ein stetig präsentes Glaubensbekenntnis der Institution Schule, das andere ein persönliches Glaubensbekenntnis eines einzelnen Menschen. Ich finde, ein Schüler oder Lehrer sollte seiner eigenen Religion in zumutbarem Maße Ausdruck verleihen dürfen. Dazu zählen Kreuze am Hals ebenso wie ein Kopftuch. Im besten Falle weckt das Neugier für das „Andere“ und regt eine bildende Debatte an zwischen Lehrern und/oder Schülern. Eine Ablehnung des Kopftuchs als Symbol der Religion des Islam ist eine Ablehnung der Religion an sich. Von Burkhas rede ich gar nicht, diese fallen schon allein wegen der eingeschränkten Kommunikationsmöglichkeiten aus dem Schulalltag heraus.

Kruzifixe in Schulen, gerne. Wenn dann aber auch Davidsterne, Buddha-Figuren usw. daneben hängen. Kruzifixe sind wie der Internet Explorer: Wenn ich den von Anfang an mitgeliefert bekomme, tendiere ich dazu, ihn zu behalten. Wenn ich die Wahl habe, bin ich quasi im Zugzwang mich zu informieren bzw. das Ganze zu ignorieren, ich nehme nicht einfach hin, was mir vorgesetzt wird. Es hat nichts mit Religionsfreiheit zu tun wenn ich einem Menschen von Kindesbeinen an sage „Das Christentum ist der Weg“ und ihm dann irgendwann die Wahl lasse. Dann wird er sich nämlich für das Christentum „entscheiden“, weil er es gewohnt ist.

Natürlich kann man eine Einflussnahme nicht verhindern. Die meisten Eltern beeinflussen ihr Kind in Glaubensfragen. Wer in einem katholischen Dorf aufwächst, wird vermutlich katholisch. Diese unvermeidliche Tendenz bedeutet aber nicht, dass man sie auch dort fördern sollte, wo man sie kontrollieren könnte. Wenn schon die Eltern keine unabhängige Sicht auf die Welt vermitteln können, dann sollte sich doch zumindest die Schule darum bemühen, neutral zu sein. Was ist das für ein Witz, wenn (überhaupt) der Lehrer die unterschiedlichen Religionen vorstellt, während über seinem Kopf der liebe Herr Jesus auf die Schüler blickt?

Das einzige einigermaßen plausible Argument, was ich von CDU, CSU und Co. höre, ist in etwa folgendes: Man befinde sich in einem christlich geprägten Kulturraum und dürfe der Lebenswelt seiner Bewohner nicht unnötig zuwider handeln. Ist verständlich, dass sich etablierte Systeme angegriffen fühlen, wenn von außen jemand kommt und sie ändern will. Nun komme ich und sage: Früher lebten hier auch Heiden. Götzenanbeter. Whatever. Wer bestimmt denn, was die ursprüngliche, richtige Kultur eines Kulturraums ist? Das ist übelster Konservatismus. „Das IST hier so, und deswegen darf es nicht ANDERS sein.“ Boing. Umso geschlossener eine Gemeinschaft ist, umso verschlossener ist sie gegenüber anderen Menschen. „Ihr“ nehmt „uns“ das Kreuz nicht weg. Man grenzt sich ab, man nimmt für sich in Anspruch, Recht gegenüber anderen Menschen zu haben. Leidtragende sind die Kinder, die sich nicht frei entscheiden können. „Wir sind hier ein christliches Land, und deswegen erziehen wir unsere Kinder christlich.“ Ihr seid nur DESHALB ein christliches Land, weil ihr von euren Eltern christlich erzogen wurdet. Merkt ihr eigentlich den Fehler in diesem Gedankengang?

Ich will den Teufel nicht an die Wand malen. Es ist nicht unglaublich schlimm, wenn in einer Schule ein Kreuz hängt. Das mag einen sehr geringen Anteil an der Entwicklung eines Menschen haben. Davon geht die Welt nicht unter. Aber in einer Grundsatzdebatte ist es einfach nicht haltbar, dass die eine Religion in der Schule verankert sein darf und eine andere nicht. Entweder alle, oder keine. Staatliche Schulen müssen neutral sein, sonst ist die Trennung zwischen Staat und Religion hinfällig. Wobei sich das einige Unionler vermutlich wünschen würden. Bayern ist ja nicht wegen der gesunden Bergluft zum Großteil katholisch. Das Kreuz in der Schule ist Folge UND (eine kleine) Ursache dafür.

P.S. Die Zitate sind nicht konkret, sie spiegeln nur die von mir wahrgenommene Geisteshaltung einiger Pro-Kreuz-Argumentler wider. Natürlich gibt es genügend Anhänger des Kreuzes, die das Thema differenzierter betrachten. Erlebe ich nur eben seltener.

  • ThOMas

    Jetzt hab ich mir dein Gelaber tatsächlich durchgelesen:-D Naja, wundert mich aber nich, dass wir da eh einer Meinung sind. Hättest zur Vollständigkeit aber auch noch sagen können, dass es im Grunde schon dem Grundgesetz widerspricht, wenn man Kopftücher verbietet oder wie in der Schweiz das Bauen von Minaretten verbieten würde… das ist wie bei den Stop-Schildern oder der Vorratsdatenspeicherung…..wenn sich alle mal das Grundgesetz zu Herzen nehmen würden, hätte sich sowas schneller erledigt.

  • http://blog.yodahome.de Jens Holze

    Naja, ein bissl komplexer ist das schon. Während ein Kreuz definitiv ein chrisliches und damit ein religiöses Symbol ist, ist das beim Kopftuch ja durchaus umstritten. (z.B. http://islamische-kunst.suite101.de/article.cfm/das_kopftuch_im_islam) Das wurde nicht vom Islam erfunden, auch christliche Nonnen tragen etwas Vergleichbares. Würde man statt mit der Religionsfreiheit einfach mit einem Modegeschmack argumentieren, wäre alles in Butter. Dann könnte man aber eben auch verlangen, dass diese Mode in bestimmten Kontexten unpassend ist. Nun war ich (als heutiger Agnostiker) in einer katholischen Schule, wir hatten überall Kreuze und Nonnen mit Kopftuch. Geschadet hat’s mir nicht.
    Aber das war halt keine staatliche Schule und wir haben eigentlich seit der Aufklärung eine strikte Trennung zwischen Religion und Staat von der ich gerne sähe, dass sie auch so praktiziert wird. Das Problem ist doch generell, dass jede westliche Religion, obwohl sie historisch nur Spin-Offs voneinander sind, für sich einen alleinigen Wahrheitsanspruch fordert und damit implizit die anderen angreift. Insofern finde ich haben in der (staatlichen) Schule in der Tat sämtliche nicht-persönlichen, religiösen Glaubenssymbole zu unterbleiben.
    Wenn die Frage also “Alle oder keiner?” lautet: Ganz klar keiner.

    Btw. das Grundgesetz hilft auch nicht viel, wenn kulturelle Eigenschaften einer Religion zugeordnet werden um ihre Existenz zu rechtfertigen und ihren Erhalt zu sichern. Die Streitigkeiten sind nunmal eine normale Begleiterscheinung der kulturellen Vermischung. Letztendlich ist der ganze Rummel um Religionen doch ein deutliches Zeichen, dass das Konzept mit der modernen Welt inkompatibel ist. Ham’ wir nicht Wichtigeres zu tun??