Killerspiele doch gefährlich! Wuff!

Hey, ich habe eine neue Zeitung, die ich nicht mögen darf! Die Neue Rheinische Zeitung, ein Webmagazin in Marxscher Tradition. Wo die Autoren ohne Bezahlung arbeiten, sich also vermutlich genauso gern über Herzensangelegenheiten ereifern wie meinereiner in diesem Blog. Diesmal geht es mal wieder gegen “Killerspiele”.

Der Artikel heißt: “Killerspiele doch gefährlich!“. Ziemlich endgültig. Und mit Ausrufezeichen. Kann man nichts mehr sagen, zu dem Thema. Oder doch? Ich versuchs mal, gehe den Artikel Stück für Stück durch und reg mich auf.

Der Aufmacher spricht davon, dass ein Skandal ein neues Licht auf die sog. “medienpädagogische” Verharmlosung der Wirkungen von “Killerspielen” werfe. Journalistische Objektivität kann man also gleich nach dem ersten Satz in die Tonne schmeißen, diese Zeitung kennt die Wahrheit meine Damen und Herren – und sie wird sie uns aufs Brot schmieren!

Innerhalb des Aufmachers scheint der Skandal daraus zu bestehen, dass Nintendo Deutschland und EA ein “Institut zur Förderung von Medienkompetenz” an der FH Köln mit 250.000 Euro gefördert hat. Man ahnt in welche Richtung das Ganze geht…Lobbyismus, klar. Der Artikel fängt an, die wirtschaftliche Größe von EA zu beschreiben. Direkt danach:

Von 1994 bis 1999 entwickelte EA unter der Bezeichnung “Jane’s Series” eine Reihe von militärischen Simulationen und erhielt dafür eine Lizenz der Jane’s Information Group, einem “militärwissenschaftlichen“ Verlag, der u.a. Jane’s Defence Weekly herausgibt.

Dem uninformierten Leser wird damit suggeriert, EA hätte nichts anderes gemacht als Militärsimulationen zu entwickeln. Und allein damit seine Marktgröße erreicht. Okay, mächtiger Spielekonzern, Militärsimulationen (wir vermeiden hier noch das Wort “Spiele”), Lizenz eines militärwissenschaftlichen Verlags…wir müssen diese Firma hassen, Leute!

Jetzt macht der Autor einen (absichtlich?) verwirrenden Gedankenprung zurück zum Aufmacher: Man redet von einer Kooperation zwischen Forschern und Industrie, welche dem Wissenschaftsethos zuwider läuft. Der Direktor des Instituts Prof. Winfried Kaminski…moment…achso…jetzt reden wir wieder über die Förderungsgeschichte in Deutschland, nicht über den bösen Großkonzern in den USA und diesem Militärverlag dort.

Jedenfalls wirft der Autor den Professoren des Instituts die Verharmlosung von Gewaltspielen vor. Freilich ohne Quellen oder Zitate (außer nicht verlinkten Verweisen auf eigene Artikel). Er sagt, die Texte der Forscher lesen sich wie Werbeschriften der Computer(!)industrie und meint, dadurch wirken sie wie Lobbyisten der Games(!)industrie. Müssen wir ihm einfach mal so glauben.

Die Politik steckt auch mitdrin!

Im nächsten Absatz wird gejammert (“Skandalös”), dass die Bundeszentrale für politische Bildung das alles unterstützt und deren Vertreter auf Kongressen auftreten, die (“u.a.” füge ich hier gedanklich mal dazu) von Computerspielkonzernen gesponsert werden. Ähem. Klar, Mitarbeiter in öffentlichen Ämtern dürfen auf keinen Fall irgendwas mit der Wirtschaft zu tun haben. Die müssen gefälligst in ihrem steuerfinanzierten Kabuff sitzen und Urteile über die Wirtschaft abliefern, die sie nicht kennen, nicht mehr und nicht weniger!

Nächstes Thema ist Kritik an einem der Professoren, Prof. Fritz. Plagiatsfälle, weil das grad so Mode ist. Mag berechtigt sein, hat aber mit dem Artikelthema soviel zu tun wie Angela Merkel mit Hannah Montana. Desweiteren würde er krude sozialdarwinistische Thesen verbreiten…siehe vorheriger Satz.

Nach einem Absatz FH-nichtstaatlich-buhu wird durch Anführungszeichen und geschickte Wortwahl (“”Kulturgut”", “ganz offen”, “hofiert”) suggeriert, dass der Staat aus Profitgier und wider besseren Wissens Computerspiele kulturell anerkennen wolle. Der eben runtergemachte Fritz wird als Gutachter für den Staat vorgestellt, der o wunder, keine neuen Verbote oder Verschärfungen für nötig hält. Skandal! Da wird Teufelszeug in den Adelsstand gehoben!

Nun wird es vollends lächerlich und perfide. Der Artikel zitiert Fritz indirekt:

Die USK, die herstellereigene (!) Alterskennzeichnung von Computerspielen, funktioniere wunderbar.

Das Ausrufezeichen soll den Todesstoß für die Glaubwürdigkeit der Aussage bedeuten: Hey Leser, das ist doch lachhaft, die Gamehersteller bestimmen selber, ab wann ihr Spiel ist?

Wenn der Autor sich auch nur den Wikipedia-Artikel zur USK durchgelesen hätte, wüsste er, dass die USK

1. nichts mit dem Hersteller zu tun hat

2. Sachverständige des Landes dabei sind. Nennt sich halbstaatliche Selbstkontrolle. Ne Firma macht die Kontrollen und der Staat passt auf und prüft das.

Wenn ein Hersteller sein Spiel NICHT freiwillig zur USK schickt, dann kriegt es einfach gar keine Freigabe und kann nur an Personen ab 18 verkauft werden. Und darf nicht beworben bzw. öffentlich ausgestellt werden, nennt sich Indizierung. Vermutlich weiß der Autor das sogar. Aber würde ja seinem Artikelziel widersprechen, wenn er nicht das Gegenteil suggerieren würde.

Es folgt Gewäsch, das darauf abzielt Computerspiele grundsätzlich als zu gewalttätig darzustellen, auch viele Spiele ab 12. Fassungslos wird zitiert, wie Fritz sage, Formen von Gewalt gehören zum Wesen fast aller Spiele, eben das Überwinden von Hindernissen. Für den Artikelautor ist Gewalt vermutlich immer gleichbedeutend mit Tod, Brutalität etc. Tenor vor allem zum Schluss: Eigentlich sind fast alle Spiele schlimm, müsste man verbieten, aber das böse Industrie-Politik-Gespann traut sich das nicht weil es ihrer eigenen Profitgier schadet. Seufz.

Computerspiele als Ausbildungsstätten für Kindersoldaten

Es geht weiter: Alle, die gegen Verbote sind, sind Lobbyisten. Dann wird es richtig lustig:

Die verheerenden Auswirkungen sind längst klar belegt und in der Praxis offensichtlich. Killerspiele sind den Trainingssimulatoren der US-Armee nachempfunden, mit denen die Soldaten emotional desensibilisiert und auf reflexartiges Töten konditioniert werden – warum sollte dies bei Kindern nicht genauso wirken?

Erster Satz: Keine Quelle, einfach ne Behauptung, die alle Diskussionen der letzten Jahrzehnte ignoriert. Muahaha. Danach: Schwachsinn, vielmehr ist das Umgekehrte der Fall. Und was die angeblich gewollte emotionale Desensibilisierung, die Konditionierung auf reflexartiges Töten angeht…alles ohne Quellen, alles Schwachsinn. Man wird nicht aufs Töten konditioniert, allenfalls auf schnelles Reagieren auf Bedrohungssituationen. Das sind Fähigkeiten, die im Krieg sicherlich von Nutzen sind, aber für den Nicht-Soldaten allenfalls sinnlos, und wenn nicht, dann nicht im schädlichen Sinne. Ähnliche Reflexe werden beim Fußball trainiert. Auch wenn der Autor es nicht wahrhaben will: Ja, Gewalt und Macht gehört in verschiedenen Formen zu unserem Alltag und zu unserer Natur. Das hat nichts mit Sozialdarwinismus zu tun.

Und natürlich sind Eltern verwirrt, weil die bösen Lobbyleute überall zu Wort kommen (Das Wort “Wissenschaftler” wird gleich in Gänsefüßchen gesetzt), weil sich die Medien ja meist durch Werbung finanzieren. Hey, und wer macht Werbung? Genau, die nichtstaatlichen Game-Firmen! Verschwööörung! Und was soll dieses Gewäsch von “monokausalen” Schlussfolgerungen? Ihr belabert uns doch alle nur und seit auf Schotter aus! Doppelseufz.

Wird Zeit, dass wir was dagegen tun!

Und nun der Glanzpunkt des Artikels: Ein Aufruf, was dagegen zu tun. Für die Kinder! Der Kölner Aufruf gegen Computergewalt (PDF). Ein Klassiker des KeineAhnungHabens! Zeichnet sich zumeist durch emotionales Gerede ohne Argumente aus. Und steckt wie üblich voller Suggestion. Beispiel:

Wir lassen nicht zu, dass Kinder und Jugendliche zu Tötungsmaschinen auf den virtuellen und realen Schlachtfeldern dieser Welt abgerichtet werden.

Ja, find ich auch. Außerdem lass ich nicht zu, dass auf Dinosauriern reitende Nazis meine Innenstadt verwüsten!

Dann wird da noch gefordert, dass kriegsverherrlichende und gewaltfördernde Spiele u.a. für Erwachsene verboten werden. Bullshit. Spiele die sowas im Extremen tun, werden eh schon beschlagnahmt (indiziert sowieso). Ansonsten wird hiermit gefordert, dass erwachsene Bürger entmündigt werden. Wir wissen besser was gut für euch ist. Achja.

Soviel zum Artikel “Killerspiele doch gefährlich!“. Man kann ja von dem Thema halten was man will. Aber dieser Beitrag (wie so viele andere aus der Kontra-Fraktion) in seiner polemischen, reißerischen Subjektivität trägt weder zur Aufklärung über den Sachverhalt bei, noch sammelt er für seine Seite Stimmen…bei einigermaßen aufgeklärten Leuten. Zielgruppe ist offensichtlich, Bild-like, der uninformierte Wutbürger. Es wird sich eine Verschwörung konstruiert, durch Formulierungen Dinge suggeriert (Topwort dieses Blogposts) die halt nicht stimmen, Befürworter der Gegenseite werden niedergemacht, Quellen zum Selbstinformieren werden weggelassen. Und völlig verschiedene Themen angedeutet (so das man jeweils nichts weiß, aber ne Meinung hat) und miteinander verquirlt zu einem großen Stimmungsmacherbrei. Im Grunde ist es ein großer Meinungsbeitrag ohne Hintergründe objektiv zu erläutern. Ganz übler Schund das Ganze. Meiden!

(via Bombilein, thx!)

P.S. Muaha, ich sehe gerade, dass der Autor sich unter anderem bei Texten von Dr. Christian Pfeiffer informiert hat. Ja, der Typ den kaum ein Wissenschaftler ernst nimmt, weil er unsauber arbeitet, zielgerichtet gegen Videospiele agiert und möglichst seine Meinung in alle Medien verbreitet, so wenig Ahnung er auch hat. Dann ist ja alles klar.

P.P.S. Und mal wieder zur eigenen Absicherung: Natürlich bin ich auch gegen Lobbyismus. Und gegen nicht altersgerechte Gewaltdarstellungen. Aber die Methoden, mit denen öffentlichkeitswirksam dagegen mobil gemacht wird, sind lächerlich, schaden der Glaubwürdigkeit der Sache und sind kontraproduktiv. Dagegen vorgehen, ja, aber nicht so. Anders als häufig dargestellt, ist man nicht automatisch für Gewalt, wenn man gegen zu umfassene Restriktionen ihrer Darstellung ist.