"Kerstin Kullmann & Internet"-Video: Viel Rauch um Nichts

Ich habe gerade über Twitter von einem Video erfahren, welches Kerstin Kullmann, Spiegel-Mitarbeiterin, in einer Frühstückssendung im Interview zeigt. Thema: Aktuelles Spiegel-Titelthema Internet & mögliche Regulierungen. Zunächstmal das Video:

Alle schreien rum, wie doof das sei. YouTube zeigt mal wieder das beste Niveau seiner Nutzer: Da wird das scheinbare Unvermögen der Frau mit ihrer Haarfarbe, ihrem Geschlecht und ihrer Sitzhaltung(!) begründet.

Meine Meinung dazu: Eine Interview-Situation, gerade mit einer vielleicht nicht geübten Rednerin, führt nunmal dazu, dass man seine Gedanken missverständlich ausdrückt. Normalerweise wird darüber wohlwollend hinweggesehen und der gesunde Menschenverstand lässt einen schlussfolgern, was die Person ausdrücken wollte. Wenn eine Debatte aber heißläuft, wird jede kleine Schwäche gnadenlos ausgenutzt um die eigene Position zu behaupten. Die Leute hören nur das, was sie hören wollen.

Ja, sie hat gesagt, das Internet wäre ein rechtsfreier Raum.
Ja, sie hat gesagt, Vergewaltigungen etc. fänden im Internet statt und wären im RL nicht möglich.

Nun möchte ich mal 3 Missverständnisse aus der Welt räumen, wie ich die Situation interpretiere:

1. Zunächstmal fordert Frau Kullmann NICHT rechtliche Regulierungen für das Internet. Sie schildert lediglich, womit sich der Artikel ihrer Kollegen beschäftigt und dass es darum geht, dass zurzeit die Rufe nach Regulierungen lauter werden.

2. Im Gesprächszusammenhang wird klar, dass sie meinte, dass das Internet als rechtsfreier Raum wahrgenommen wird. Leute begehen Straftaten und kommen evtl. damit durch, wo sie im echten Leben größere Hindernisse überwinden müssten. Zudem SEHEN die Leute hier die Straftaten, das heißt nicht, dass sie häufiger sind als im nicht virtuellen Leben.

3. Ich denke sie wollte ausdrücken, dass solche Straftaten im echten Leben nicht so präsent, zugänglich etc. sind wie im Netz. Natürlich findet Kindesmisshandlung im realen Leben statt. Aber das Netz ist der Ort, wo dies verbreitet wird und zu finden ist. Hier nimmt auch Otto Normalbürger dieses Geschehen war, welches er sonst im nichtvirtuellen Leben nicht kennt, außer über Berichterstattung in den anderen Medien. Wie kann irgendjemand tatsächlich denken, dass Frau Kullmann glaubt, Straftaten seien rein virtuell und real nicht existent?

Leute, kommt runter, regt euch nicht sofort über jede vermeintliche Dummheit auf und bedenkt, unter welchen Bedingungen bestimmte Äußerungen zu Stande kommen. Regt euch lieber über konkret ausgearbeitete Zensurpläne von der Leyen und Co. auf als über kleine Versprecher im Frühstücksfernsehen.

Kontra.

  • http://www.nachdenkseiten.de x-cube

    Sorry, aber das ist nicht ok.

    1. Wenn jemand im Fernsehen auftritt und dann noch bei den öffentlich Rechtlichen, das ist er voll verantwortlich für das was er sagt und nicht für das was er meint.
    2. Personen die mit dem Internet und der rechtlichen Lage nicht vertraut sind können nicht “wahrnehmen” was die Frau “meint”.
    3. Sie mögen ja in der Lage sein zu differenzieren aufgrund Ihrer Web-Kenntnis, aber andere können das nicht und “glauben” wörtlich der glotze!
    4. Die ganze Debatte wir eh schon völlig undifferenziert geführt und da ist so etwas ein zusätzlicher schlag ins Gesicht und eine intellektuelle Beleidigung.
    5. Die öffentlich rechtlichen haben den zweck einer unabhängigen Berichterstattung und eine Informationspflicht die hier eklatant verletzt wird! Das ist unentschuldbar und auch nicht das erste mal.
    6. Die Inkompetenz-Theorie ist natürlich sehr bequem, da man einfach sagen kann “och jo die hat des eh net so gemeint….”
    7. Im Prinzip sprechen Sie die Dame frei … frei von dem können zu formulieren was Sie meint. Vielleicht sind Sie selbst von der Haarfarbe der guten Frau beeinflusst und trauen es Ihr offenbar nicht zu Informationen Fernsehgerecht zu Formulieren.

    Schöne Grüße

    x-cube

  • http://www.wolfgang-ruge.name Wolfgang

    Es ist ein Kommentar in einem Magazin der öffentlich-rechtlichen. Wenn wir ehrlich sind: Ohne Youtube hätte es die Gruppe der unter 30jährigen, die ja bei der Webnutzung die stärkste ist, das Video nicht gehen und würde sich nicht drüber aufregen.
    Sicherlich ist der Auftriff von Frau Kullmann unglücklich. Und sicherlich spielt es auch eine Rolle, dass im Spiegel schon öfter mäßig recherchierte Artikel zum Thema Internet und Computer allgemein erschienen sind. Der Spiegel ist ebenso wie die öffentl. rechtl. Angehöriger einer Medienkonfiguration, die durch das Internet massiv bedroht wird.Da scheißt man nunmal gegen das neue, gerne mal polemisch, gerne schlecht recherchiert.
    Zum Video bleibt nur eins zu sagen: Die junge Dame hat, 45 Sekunden zeit. Wer mir in 45sekunden eine fundierte, differenzierte Darstellung des Internets mit allen seinen Chancen und Risiken bieten kann ist ein Genie. Ich schreibe seit Semestern ellenlange Hausarbeiten über das Web und habe es garantiert nicht in gänze erfasst.
    Der Auftritt ist unglücklich, aber wahrscheinlich ist der Artikel noch schlimmer als ihr Statement. Den hat offensichtlich keiner der Kommentaren auf Youtube gelesen, denn die stürzen sich ja auf die Haarfarbe…

    Komisch. Danah Boyd trägt auch blond, und kaum jemand zweifelt an ihrer Kompetenz.

  • tomhartig

    Ich spreche doch nicht kategorisch sprachliches Unvermögen aus. Selbst die höchsten Politiker strotzen nur so von Halbsätzen und Missverständlichkeiten in der Aussage, wenn man ihre Aussagen in Talkshows etc. untersucht. Solange sich aus dem Zusammenhang heraus ergibt, wie die Position der Person aussieht, ist das ja auch zu verkraften. Wie Wolfgang schon sagte, 45 Sekunden sind kein Rahmen, in denen so eine Position verdeutlicht werden kann (zumal das, wie bereits erwähnt, gar nicht ihre Absicht ist; sie schildert nur das Thema des Artikels).

    Ich finde es übertrieben hier den Bildungsauftrag der Öffentlich-Rechtlichen zu bemühen. Die Frau ist ein Studiogast und steht nicht in der Verantwortung, den Zuschauer zu bilden, das gelte eher für den Moderator. Klar sollte sie nach bestem Wissen und Gewissen handeln, aber ich in ihrer Lage würde es nicht verstehen, wenn man mir wegen solchen Nichtigkeiten gleich eine bewusste Verblödung des Volkes vorwirft. Man muss nicht zu jeder Sekunde “perfekt” sein. Wären nur rhetorische Alleskönner im TV, wäre das TV um vieles ärmer. Ich sag nochmal: Es ist ein Interview, da sollte man mit solchen Unglücklichkeiten umgehen können. Würde sie den gleichen Wortlaut so in einem geplanten Bericht verwenden, wär das natürlich was anderes.

    Klar ist der Zuschauer teilweise blöde und missversteht das dann. Vor allem, wenn er nicht im Thema steht. Aber das ist ein Problem, mit dem man leben muss, bzw. eher gucken sollte, dass die Zuschauer informierter werden anstatt auf Studiogäste einzuprügeln. Inwiefern das Thema nun im genannten Artikel kompetent behandelt wurde und was Frau Kullmann davon meint, steht natürlich auf einem anderen Blatt. In dem Ausschnitt kommt weder das eine, noch das andere zum Ausdruck.

  • http://www.wortgewandt.org Heiko

    Hallo Allerseits,

    wenn ich richtig informiert bin, ist Frau Kullmann Journalistin; und zwar nicht bei einem Stadtmagazin, sondern bei einem der Meinungsbildenen Magazine: dem SPIEGEL. Wer den Bericht gelesen hat, wird auch gesehen haben, dass auch dort das Netz immerzu als rechtsfreier Raum bezeichnet wird. Hier geht es nicht um die Wahrnehmung einer vielleicht nervösen Reporterin, sondern um die wissentlichte Verdrehung von Tatsachen.

    Gruß

  • http://www.guedesweiler.blogspot.com Johannes Döh

    Ich habe den “rechtfreien Raum” gefunden und wurde währenddessen von Bundesministerin Brigitte Zypries persönlich über die Anonymität im Internet aufgeklärt. Schließlich kreierte ich noch das Kunstwort ZUGANGSERSCHWESIGGESETZ (wie bin ich nur auf sowas gekommen?) – hier im Einzelnen: http://www.guedesweiler.blogspot.com

    Wenn Frau Kullmann schlau ist, wendet sie sich der Blogger- Szene zu und nimmt Stellung dazu. Manchmal ist es besser zuzugeben, dass man Müll geredet hat, als eben nichts zu tun. Problematisch sehe ich dabei lediglich die Position ihres Arbeitgebers.

    Als Journalistin beim Spiegel, was sie ja offensichtlich ist, sollte sie durchaus in der Lage sein, ihre Aussagen entsprechend zu formulieren, bevor sie den Redeschwall unkontrolliert heraus läßt. Es gibt keinen Grund, sie in Schutz nehmen zu müssen. Sie kann sich doch jederzeit dazu äußern…

  • wef

    Woran soll man Deiner Meinung nach das von ihr Gesagte beurteilen, wenn nicht an dem was sie gesagt hat? Soll man spekulieren was sie wirklich gemeint hat?

    Fakt ist, alles was ausserhalb des Internet verboten ist, ist auch im Internet verboten. Und sie salbadert Käse daher…

  • tomhartig

    Ich sage nur, dass man nicht davon ausgehen kann, dass sie es so meint, wenn sie sagt, Vergewaltigung gäbe es im echten Leben nicht. Man (/nur Ich?) merkt dass sie sich in Aufzählungen verstrickt und am Ende nicht ganz das rauskommt, was sie vermutlich ausdrücken wollte. Und was sie eigentlich meinte, liegt dann ziemlich nahe auf der Hand.

    Und was jeweils das Äquivalent im Internet zu Dingen im Nicht-Internet ist, ist eben nicht so deutlich, wie du meinst, denn sonst gäbe es ja die ganze Debatte nicht. Ganz zu schweigen von den Fällen, die so speziell nur im Internet existieren. Juristen allerorten beschweren sich über die Grauzonen und dass da jedes Gericht anders entscheidet. Dass da Bedarf zumindest an der Anpassung bestehender Gesetze besteht, sehe ich schon so. Wobei ich aber klar gegen “Spezialgesetze” für das Internet bin. Aber bestehende Gesetze decken halt die speziellen Möglichkeiten des Internets nicht unbedingt ab, einfach weil zum Zeitpunkt ihrer Verabschiedung das Netz noch nicht so weit war oder, wie so oft, die Politik einfach keine Ahnung von der Materie hat.