Innenminister Friedrich? Spalter!
Ich kann gar nicht so viel fressen wie ich kotzen möchte. Ja, das wird ein kleiner Politik-Rant. Und ja, es geht mal wieder um die Integrationsdebatte. Ich habe gerade diesen Artikel über Innenminister Friedrich auf der Islamkonferenz gelesen und danach im dazugehörigen Forumsthema gestöbert. Ich lerne auch nicht wirklich aus meinen Fehlern, denn wie üblich habe ich dabei den Glauben an die Menschheit verloren. Aber hey, wenn man das nicht immer wieder schaffen würde, wäre man ja Zyniker.
Der Sachverhalt ist relativ klar und führt zu den logischen Folgen: Innenminister (und CSU-Hardliner) Friedrich sagt auf der Islamkonferenz: Moslems, guckt euren Glaubensbrüdern mal auf die Finger ob die net vll. Terroristen sind.
Die Muslime fühlen sich natürlich angepisst.
Nach der Konferenz sagt Friedrich dann noch:
“Selbstverständlich sind die vielen Muslime, die in diesem Land leben, ein Teil dieser Gesellschaft.”
Und:
“Dieses Land ist ein christlich-abendländisch geprägtes Land, … daran bestand und besteht hoffentlich auch kein Zweifel.”
Zur Erinnerung: Herr Friedrich hatte vor einigen Wochen für Aufregung gesorgt, als er Bundespräsident Wulff widersprach, der Islam gehöre zu Deutschland, weil sich dies historisch nicht belegen ließe.
Okay, wo fange ich an? Erstmal ein grundsätzliches Problem, was sich Herr Friedrich u.a. mit der Bildzeitung und Sarrazin teilt: Er spricht manchmal (streitbare) Wahrheiten aus. Menschen, die verzweifelt Argumente für ihre rechte Gesinnung suchen, jubeln dann und nehmen das zum Anlass, einen neuen Helden der Meinungsfreiheit zu feiern.
Aber: Es geht gar nicht darum, ob eine Aussage der Wahrheit entspricht. Es geht darum, was diese Aussage bewirkt und welchem Geist sie entspringt. Stellen wir uns vergleichsweise mal einen Politiker in den USA vor der den lieben langen Tag herumzieht und in die Kameras sagt: “Der größte Teil der Kriminellen in unserem Land ist schwarz!” Ja, das ist faktisch richtig. Hilft aber nicht die Bohne. Führt dazu, dass Toleranz abgebaut wird, was in seinen sozioökonomischen Folgen nur zu mehr Straftaten durch ausgegrenzte Bevölkerungsgruppen führt. Setzen, 6.
Friedrich verstärkt ein ohnehin zu stark verankertes Gedankenbild in der Bevölkerung, das “Wir” gegen “Die Anderen”. Die meisten Leute wissen nicht so genau, was das “Wir” eigentlich ist, es definiert sich durch die Abgrenzung vom Anderen. Das Andere wird kategorisch ausgezeichnet durch Symbole: Kopftuch, Döner, Terror etc. Und weil diese Symbole alle gleichberechtigt mit dem Anderen verknüpft sind, werden sie in der Debatte zu einem Brei verrührt. In dem o.g. Forum wird u.a. die Meinung vertreten, dass Moslems natürlich in “ihren Kreisen” auch radikale Leute kennen…gehts noch?
Viele Menschen haben keine Ahnung, kennen keinen Moslem persönlich (“weil DIE sich ja selber ausgrenzen blabla”). Sie hören von Muslimen nur im Zusammenhang mit Terror, Unterdrückung der Frau etc., da kann auch kein Verständnis, keine Toleranz entstehen. Im Notfall beruft sich “der Deutsche” auf den Koran (den er nie gelesen hat) und sagt, die Religion sei halt schon per se böse. Und ignoriert dabei den Unterschied zwischen Fundamentalismus und alternativer Auslegung von Glaubensschriften. Das Christentum hat doch schon vorgemacht, wie unterschiedlich Religion gelebt werden kann. Von den Kreuzzügen und der Inquisition bis zu Kinderdörfern in Afrika. In der Bibel steht auch, dass Kinder, die nicht auf ihre Eltern hören, zu Tode gesteinigt werden sollen (5. Mose 21,18-21). Whatever.
Aufmerksamkeit richtet sich immer auf das Extreme, da machen Medien keine Ausnahme. Wenn man keine Moslems kennt, dann kennt man nur die Terroristen aus dem Fernsehen. Dass die Weltanschauung dadurch absolut unfair ist, ist logisch. Ich bin beispielsweise in einem unchristlichen Umfeld aufgewachsen und sehe bestimmte Handlungen der Kirche deswegen auch mal kritisch…aber ich maße mir deswegen nicht an, eine ganze Religion oder ihre Glaubensanhänger zu verurteilen.
Die selektive Darstellungen in den Medien/Debatten führt zu einer verzerrten Wahrnehmung der Verhältnisse. Wieviele aktiv gewordene Terroristen gabs so in absoluten Zahlen in den letzten Jahren? 100? Wieviele Moslems gibts auf der Welt? Ca. 1.6 Milliarden. Selbst wenn man die große Dunkelziffer an radiaklen Moslems dazunimmt ist das doch kein Verhältnis, welches das Misstrauen zwischen “den Deutschen” und “den Moslems” rechtfertigen würde. Über die schwachsinnige Einteilung von Nationalität A und Religion B hab ich ja schonmal geschrieben.
Am schlimmsten sind die latenten Rechten. Sie argumentieren stets mit “Ich bin tolerant und habe nichts gegen Ausländer, die sich integrieren. ABER…blabla…DIE..blabla…SELBER SCHULD…”. Sie sind sich gar nicht bewusst, dass sie in ihren Reden gegen die sog. “Gutmenschen” sich selbst als Schlechtmenschen entlarven und Fremdenhass fördern. Auch wenn sie sich dessen nicht bewusst sind. Hallo, Herr Friedrich!
Ich könnt mich ewig weiter aufregen…
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petra müller
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http://twitter.com/Doppelbinder Tom Hartig






