Inception – Die andere Matrix

Inception
Ist Inception ein toller Film? Ja, ist er. Sollte man sich ihn anschauen? Ja, sollte man. Christopher Nolan hat sich mit seinem rückwärts erzählten Memento bereits einen Namen als innovativer Regisseur gemacht und schließlich mit der Wiederbelebung des Batman-Franchise bewiesen, dass Filme nicht strunzendoof sein müssen, um Erfolg an den Kinokassen zu haben. Und wie schon bei The Dark Knight kommen bei Inception zwei Dinge zusammen, die sich selten sehen: Eine fantastische (millionenschwere) Optik und eine tiefgründige, diesmal auch äußerst originelle Story.

Protagonist Cobb (Leonardo DiCaprio) und sein Team sind darauf spezialisiert, in die Träume anderer Menschen einzudringen und deren Geheimnisse zu stehlen, quasi Industriespionage im Science-Fiction-Modus. Der Konzernchef Saito (Ken Watanabe) will dem wegen Mordes gesuchten Cobb eine Rückkehr zu seinen Kindern in den USA ermöglichen, wenn dieser einen ganz speziellen Auftrag erledigt: Statt einen Gedanken zu stehlen, soll er ihn in den Verstand eines Konkurrenten einpflanzen. Der komplizierte Auftrag wird gleichzeitig zur Vergangenheitsbewältigung von Cobb, der in den Träumen seiner verstorbenen Frau (großartig: Marion Cotillard) begegnet.

Oberflächlich betrachtet ist Inception erstmal nicht mehr, als ein normaler Heist-Movie: Team bekommt Auftrag, plant Auftrag, führt ihn unter unvorhergesehenen Schwierigkeiten aus. Genau diese Konstruktion ist einer der wenigen Schwachpunkte des Films: Abgesehen vom wirklich guten und notwendigen Subplot von Cobb und seiner Frau hat mich die eigentliche Handlung des Auftrags eher gelangweilt. Das gilt vor allem für die Geschehnisse in einer schneebedeckten Bergfestung, wo endlose, langweilige Verfolgungsjagden im Schnee aneinandergereiht wurden, ohne dass auch nur ein surreales Traumelement in Erscheinung treten würde.

Davon abgesehen hat der Film 3 große Pluspunkte:

Nummer 1: Die Erzählstruktur ist sehr abwechslungsreich, wenn auch etwas verwirrend beim ersten Anschauen. Je nach Interpretation existieren in dem Film bis zu 6 ineinander verschachtelte Traum- bzw. Wirklichkeitsebenen, in welchen die Zeit unterschiedlich stark voranschreitet. Gegen Ende des Films springt die Handlung ständig zwischen den Ebenen hin- und her, es passiert eine Menge gleichzeitig und auch ein kleiner Sprung in der Chronologie konnte sich Nolan nicht ganz verkneifen. Einige Zuschauer könnte das alles abschrecken, aber Inception bietet auf jeden Fall ordentlich was zum knabbern und ist was die Struktur angeht alles andere als altmodisch.

Nummer 2: Das Traumsetting erlaubt fantastische Effekte, wer den Trailer gesehen hat, kann sich eine Vorstellung machen. Ganze Städte falten sich zusammen, die Gravitation spielt verrückt, Menschen verändern ihr Erscheinungsbild undundund. Das Ganze geht super zusammen mit dem Soundtrack von Hans Zimmer, der schon bei The Dark Knight verstanden hat, über einen langen Zeitraum hinweg eine spannungsgeladene Kulisse fürs Ohr zu bieten. Man muss dem Film jedoch fast schon vorwerfen, zu wenig aus den Möglichkeiten zu machen, die ein Traum anbietet. Es ist zwar inhaltlich logisch, dass die Umgebung naturgetreu dargestellt wird, schließlich ist sie konstruiert, um sie jemandem als Wirklichkeit zu verkaufen. Aber etwas mehr Abweichungen, wenn die Täuschung auffliegt, wären vielleicht doch drin gewesen.

Nummer 3: Die Darsteller sind topp. Leonardo DiCaprio hat sich ja schon seit geraumer Zeit als Charakterkopf etabliert, aber auch Ellen Page (Juno), Ken Watanabe und die anderen überzeugen. Die Nebenfiguren bleiben zwar aus Zeitmangel etwas blass, aber ähnlich wie bei Ocean‘s 11 nutzen sie ihre wenigen Momente gut, um in Erinnerung zu bleiben.

Innerhalb der Heistgeschichte befindet sich eine sehr gut erzählte Story um Cobb und seine verstorbene Frau, die den Film mit der notwendigen Emotionalität versorgt. Wer möchte, kann hier einige Parallelen zur Orpheus-Geschichte finden. Davon abgesehen wird, ähnlich wie in The Matrix, die existentielle Frage aufgeworfen: Was ist Wirklichkeit und woher wissen wir, dass wir uns nicht nur innerhalb eines Traums befinden?

Einige Leute haben sich beschwert, dass die Traum-Technologie im Film nicht genug erklärt wird. Also wie genau das ganze funktioniert, wer das entwickelt hat, ob die Regierung es nutzt, warum man scheinbar nur einen Koffer mit ein paar Kabeln braucht und so weiter. Dazu sage ich: Bullshit. Sicherlich wäre sowas interessant, würde aber diesen Film nur in die Länge ziehen und nichts zur Story beitragen. Gute Science Fiction nutzt Technologie nur, um Dinge in ein neues Licht setzen zu können, die uns auch in Wirklichkeit tangieren. Genau das hat Nolan in Inception konsequent umgesetzt und erklärt das Verfahren nur insoweit es zum Verständnis der Handlung notwendig ist. Wer Technobabble mag, soll sich eine Serie wie Star Trek anschauen, wo genügend Zeit ist, eine komplexe Technik und gute Stories miteinander zu verbinden.

Inception ist ein Blockbuster, den auch intellektuelle Kritiker mögen dürfen; und so was ist selten. Bei diesem Film ist, ähnlich wie Roger Ebert in seiner Kritik sagte, nicht das „Was“ entscheidend, sondern das „Wie“. Nolan fährt wirklich alle filmischen Geschütze auf, die ihm zur Verfügung stehen. Inhaltlich passiert viel weniger, als man meint. Aber das ist nicht schlimm. Letztendlich zählt ja nur das, was man wahrnimmt. Denn das ist die Wirklichkeit, ne?

P.S. Danke, danke, danke, dass dem Film kein 3D aufgedrückt wurde.

P.P.S. Ich habe gerade einen tollen Artikel in der Los Angeles Times gesehen, wo darüber spekuliert wird, dass jüngere Zuschauer, vor allem Gamer, Inception besser verstehen und genießen können als ältere. Darin kommt auch Henry Jenkins zu Wort:

Even though the density of “Inception” can be off-putting to older moviegoers, it’s a delicious challenge for gamers. “With ‘Inception,’ if you blink or if your mind wanders, you miss it,” says Jenkins. “You’re not sitting passively and sucking it all in. You have to experience it like a puzzle box. It’s designed for us to talk about, to share clues and discuss online, instead of having everything explained to us. Part of the pleasure of the movie is figuring out things that don’t come easily, which is definitely part of the video game culture.”

  • Danilo

    dito. schöner bericht.

  • Ocean

    Sehr fein in Worte gepackt, Herr Moosbett! Bin gespannt, ob uns nach Inception eine “weitere Suizidwelle” überrollt…^^

  • http://www.pixelspace.org/ Dan

    Hehe sehr schöner Eintrag Herr Moosbett.
    Nolans Inception war erfolgreich! Der verschachtelte Aufbau und die Story passen tatsächlich auch gut in die Welt der Videospiele. Musste dann auch gleich an Baudrillard denken – was das eigentliche Simulacrum ist und welche Rolle die Wirklichkeit spielt, wenn der Traum perfekt ist.

  • http://blog.yodahome.de Jens

    Sekundiere ich fast vollständig, zweifellos ganz großes Kino mit relativ viel Tiefgang (für Hollywood, nicht für den ARTE Themenabend). Ein paar Logikfehler sind mir zwischendurch aufgefallen aber imho das größte Manko ist das doch eher vorhersehbare FriedeFreudeEierkuchen-Ende.
    Ich hätte es insbesondere wegen der verschachtelten Struktur pfiffiger gefunden, wenn der ganze Spannungbogen nach dem ersten Auftrag gegen Saito – wo dieser ja seines Geheimnisses nicht beraubt werden kann – einfach als Traumwelt dazu dienen soll um Saito eben doch noch zu kriegen. Der ganze MeineFrauisttotundichkannnichtzumeinenKindern-Plot würde dann nur dazu dienen um Saito emotional zu kriegen und dann hinterrücks doch noch zu bestehlen. Dann hätte der Film auch für den Zuschauer eine Traumwelt geschaffen von der dieser nichts weiß und es gäbe am Schluß eine coole Chance für eine Auflösung. So isses auch nicht schlecht aber eben auch nicht so wahnsinnig herausfordernd.

    PS. Die Musik ist ok aber eben auch sehr hörbar “verzimmert”. Irgendwie gibt Hans Zimmers Musik (von den Leitmotiven mal abgesehen) im Vergleich mit anderen (Williams, Kamen, Goldsmith, Silvestri, Elfman) immer nicht so viel her, vor allem wenn man sie mal solo hört. Die Musik zu den Batmännern hat er ja auch nicht allein machen dürfen. *g*

    PPS. Ich möchte doch (erneut?) anprangern, dass im Feed die Artikel nicht komplett abzurufen sind und auch Werkzeuge wie feedly et al hier nicht so viel Freude machen. So wird das nix mit dem sozialen Web…

  • http://www.moosbett.de tomhartig

    Was ich auch nett gefunden hätte, auch wenn es vielleicht schon zu ausgenudelt ist: Eine Schleife. Also beim Tiefergehen in die Traumebenen landet man wieder in der (scheinbar) obersten Stufe bzw. “Realität”. Das begrenzt zwar den Umfang und raubt den Gedanken der möglichen unendlichen Zahl an Realitäten, wär aber auch ein netter Mindfuck. Die Vorstellung von Unendlichkeit kann sich eben auch in der ewigen Wiederholung des Gleichen äußern…siehe Ellen pages Aktion mit den Spiegeln. Gibt glaub ich auch Theorien dass unser Universum so aufgebaut ist…also wie eine Kugel dessen Inneres nur aus einem Spiegel besteht. Und wenn man sich vom klassischen 3dimensionalen Denken verabschiedet fragt man auch nicht mehr, was sich “außerhalb” dieses Konstruktes befindet :-p

    Zu PS: Joa, die Musik für sich alleine ist langweilig, gerade im Vergleich zu den von dir angesprochenen Komponisten. Ich erinnere mich nichtmal an irgendein Leitmotiv (wenn man mal Je ne regrette rien weglässt). Wie gesagt: In Verbindung mit dem Film unterstützt dieses Monotone, Pulsierende(?) imho aber durchaus die über längere Zeit anhaltende Anspannung. Kommt in The Dark Knight noch besser rüber.

    zu PPS: Ist erledigt.^^ Kommentare sind nun einzeln und insgesamt feedbar und Artikel werden im Feed vollständig angezeigt.

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