grantorino_teaserposterEr hat es wieder getan. Clint Eastwood ist ein Urgestein des amerikanischen Kinos und spätestens als Regisseur scheinbar unfehlbar. 4 Oscars für ihn selbst, 8 Oscar-Nominierungen für Schauspieler in von ihm inszenierten Filmen. Jetzt tritt er erstmals seit Million Dollar Baby wieder als Regisseur, Produzent und Hauptdarsteller in Personalunion auf. Der Film: Gran Torino.

Walt Kowalski ist ein alter, verbitterter Mann. Sein Leben lang hat der Koreakriegsveteran in den Ford-Werken geschuftet. Nach dem Tod seiner geliebten Frau ist ihm nun nichts mehr geblieben. Seine Söhne sehen ihn als unliebsame Last, seine Enkel interessieren sich nur für ihr Erbe. Ihr Besuch ist für beide Seiten eine lästige Pflicht. Walt ist ein Kämpfer der alten Schule, der die Welt um sich herum nicht mehr versteht. Zunehmend bevölkern Schwarze und Asiaten seine Nachbarschaft, er ist das letzte Überbleibsel des alten, weißen Amerikas.

Seine Welt ändert sich, als er eines Nachts eine Jugendbande mit vorgehaltener Flinte von seinem Rasen verjagt, als diese die asiatische Nachbarsfamilie terrorisiert. Trotz seines arroganten, rassistischen Auftretens feiert ihn die Familie als Held. Als er schließlich die Tochter der Familie, Sue, ebenfalls mit Waffengewalt vor einer Gruppe schwarzer Halbstarker beschützt, kann er dem freundlichen Auftreten seiner Mitmenschen nichts mehr entgegensetzen. Langsam wird er in das Leben seiner Nachbarn integriert, zu Feiern eingeladen, reichhaltig bekocht. Als er ihren gemoppten, scheinbar nichtsnutzigen Sohn Tao kennenlernt, packt ihn der Ehrgeiz. Er will ihn zum Mann machen, gibt ihm Liebestips, verschafft ihm Arbeit. Doch die Gewalt der Banden macht auch vor Taos Familie nicht halt. Walt rüstet sich noch einmal zum Kampf, scheinbar…

gran_torino081Gran Torino ist ein Film über den Werte. Gleichbleibende Werte in einer Welt im Wandel. Sensibel erzählt Eastwood eine Geschichte über die Aufklärung eines scheinbar unbeweglichen Geistes, der irgendwann feststellen muss: „Verdammt, diese Schlitzaugen haben mehr mit mir gemeinsam als meine eigene, nichtsnutzige Familie!“ Mitleid, Freundschaft, Hilfsbereitschaft übersteigt dabei alle Vorurteile. Wirkt Walt anfangs wie ein Rassist aus dem Bilderbuch, merken wir bald, dass rassistische Beleidigungen für ihn einfach zur Gewohnheit geworden sind, die er auch gegenüber seinem italienischstämmigen Freund nicht ablegt. Der Film zeigt mit viel Humor wie liebevoll so eine bärbeißige Beziehung sein kann, etwa wenn Walt Tao mit zu besagtem Freund nimmt um ihn zu zeigen, wie „richtige Männer“ miteinander reden. Oder wenn Walt abfällig vor der Nachbarsoma auf den Gehweg spuckt und diese mit einem noch größeren Haufen Spucke die Geste erwidert.

Der Film behandelt nicht nur das rassistische Amerika, sondern auch den damit einhergehenden Waffenwahn. Denn es zeigt sich nicht nur, wie Walt in der scheinbar so fremden Kultur eine neue Familie entdeckt, sondern auch wie seine anfänglichen, waffenbedingten Erfolge nur kurzer Natur sind. Er erkennt, dass sich die Spirale der Gewalt immer tiefer dreht und er mit Drohungen und Waffen nur neues Leid verursacht. So hält er Tao schließlich vom Äußersten ab, als dieser wie Walt einst im Koreakrieg mit dem Gewehr in die Schlacht gegen die Jugendbanden ziehen will. Es ist der große Verdienst von Gran Torino, dass Walt schließlich den Konflikt ohne einen einzigen Schuss beenden kann und sein Wandel somit einen würdigen Abschluss findet.

grantorino_veranda__315292b1Wieder einmal ein gelungener Wurf für Clint Eastwood. Wundervoll spielt er mit seinem Image als wortkargen Einzelkämpfer, den er in der Vergangenheit so oft verkörpert hat. Sein minimalistisches, zynisches Spiel war noch nie so lustig wie tragisch. Der Film zeigt fast nebenbei außer Rassismus und Gewalt auch den Umgang mit dem Alter. Seine Kinder sähen Walt gerne im Altersheim, wollen ihm Telefone mit großen Tasten und Greifhilfen aufhalsen. Sie sind seinem Leben ebenso fremd wie anfangs seine Nachbarn. Eastwood gehört wie seine Figur zu einer anderen Ära, doch wenn er weiterhin so wandlungsfähig bleibt wie Walt Kowalski, erwarten uns sicherlich noch einige, großartige Filme.

Pro.