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Wullf ist (endlich!) gegangen. Ersatzbundespräsident soll Joachim Gauck werden. Der Konsenskandidat, den kaum eine Partei für sich genommen tatsächlich will. War ja auch zu erwarten: Bei der Bundespräsidentschaftswahl 2010 hatte Wulff Gauck erst im dritten Wahlgang knapp geschlagen…was die gesetzlich vorgeschriebene Höchstgrenze ist. Warum sollte Gauck da nicht der logische Kandidat 2012 sein, falls die veränderte Parteipolitik nicht dagegen spricht? Doch darum geht es nicht.

Ich war damals für Gauck, zumindest in der Wahl zwischen ihm und Wulff. Besonders fundiert war diese Entscheidung nicht, da war viel Bauchgefühl und grobe Darstellung durch die Medien dran schuld. Nach Wulffs Abgang führte Gauck die meisten Volkskumfragen als Wunschkandidat an. Dann ist ja nun verspätet alles wunderbar?

Hin und her und hin und her

Nicht ganz. Schnell verbreiteten sich im Netz Zitate von Gauck, die nicht zum vermittelten Bild des Bürgerrechtlers passten: Gauck fände Sarrazin toll, HartzIVler doof und sei im übrigen für Vorratsdatenspeicherung. Und eigene Stasiakten habe er damals als Beauftragter für die Stasiaufarbeitung auch verschwinden lassen. Das Netz hat also aufgedeckt: Gauck ist eigentlich böse?

Nicht ganz. Die nächste Evolutionsstufe des vernetzten Bürgers ist natürlich clever und durchschaut was hier vor sich geht: Das Web ist viel Pöbel und Pöbel jagt gerne Säue durch’s Dorf. Die Zitate von Gauck seien natürlich aus dem Zusammenhang gerissen und überhaupt seien die Netzleute zu faul und dumm für die größeren Zusammenhänge und verteilten einfach gerne Halbwahrheiten ohne den Aufwand zu betreiben, sich mal ausführlicher mit Gaucks Positionen auseinanderzusetzen. Gauck ist also eigentlich doch dufte?

Nicht ganz. Noch einen drauf setzen dann die Leute, die auch den Netzverstehern Selbstverliebtheit attestieren: Nur weil man das System durchschaue, wie der Pöbel kommuniziere, hat er nicht automatisch unrecht. Anders ausgedrückt: Auch mit Kontext würden Gaucks Positionen nicht besser. Er ist nicht der Teufel, aber nachwievor nicht tragbar für progressive Bürger. Gauck ist also doch doof?

Die Diskussionen gehen am Thema vorbei

Ich find das ja alles ziemlich interessant. Nicht ob Gauck nun kleine Kinder frisst oder so. Sondern wie sich die Leute in ihrem Kampf um Deutungshoheit gegenseitig zerfleischen, wer jetzt besser mit der Wahrheit und ihrer Verteilung umgehen kann.

Ob Gauck als Bundespräsident geeignet ist, hat nichts damit zu tun, wer im Netz nun recht hat! Bei der Hatz gegen Wulff ging es darum, ob er das Amt trotz seiner Verfehlungen bekleiden darf. Bei der Hatz gegen Gauck geht es darum, ob die Hetzer den Kandidaten wählen würden. Und das steht gar nicht zur Debatte.

Ein häufiges Argument gegen die Gauck-Kritiker lautet:

Erst habt ihr Wulff aus dem Amt geekelt wegen Sachen, die für das Amt unerheblich sind, den Job hat er doch gut gemacht (Wer mag, kann “Wulff” durch “Gutti” ersetzen) und nun wollt ihr schon Gauck fertig machen, bevor er auch nur das Amt angetreten hat!

Das ist gar nicht so weit weg von der Wahrheit, auch wenn ich den ersten Teil nicht richtig finde. Die Blogger, Twitterer etc. haben gemerkt, dass sie politisch etwas verändern können. Nun tun sie das auch, sie versuchen darzustellen: Gauck ist nicht unser Kandidat. Aber das ist halt kein ausreichendes Argument, ihm das Amt zu verwehren. Das ist als würde ich fordern die CDU aus dem Bundestag zu schmeißen, weil ich sie nicht wähle.

Kurz: Die Kritik an Gaucks Strahlemann-Image ist wohl berechtigt. Die Kritik an seinen Kritikern auch. Aber letzteres hat keine Folgen für die Frage, ob Gauck Bundespräsident werden kann. Das kann er, auch wenn er nicht mein Wunschkandidat ist. Die Ereiferer sollten sich jenseits vom aufregenden Shitstorm (Anglizismus des Jahres 2011, yeah!) bewusst machen: Nicht der Bundespräsident macht die Politik im Land. Alles halb so wild.