Facebook erkennt Gesichter – So what?

Modern Times

Hilfe! Face(!)book erkennt mein Gesicht!!11Elf. Das soziale Netzwerk hat jetzt auch in Deutschland die Funktion eingeführt, dass Freunde auf den eigenen Fotos erkannt und zur Markierung vorgeschlagen werden. Datenschützer zetern, wiedereinmal stehe die Privatsphäre jedes Einzelnen auf dem Spiel. Auf allen Kanälen gehen Anleitungen herum, wie man in den eigenen Einstellungen ausschalten kann, dass man auf Fotos vorgeschlagen wird. Ich frage mich: DARÜBER regt ihr euch auf?

Was  los ist

Eins vorweg: Es erscheint mir sogut wie unmöglich ausführlich zu sagen, womit die Leute hier angeblich ein Problem haben. Jetzt hilft eine Gesichtserkennungfunktion dem Fotobesitzer Leute schneller zu markieren. Nichts anderes! Facebook geht NICHT durch eure Fotos und markiert jede Person darauf öffentlich die es erkennt! Es schlägt lediglich Namen aus der Freundesliste vor, wenn man ohnehin jemanden auf einem neu hochgeladenen Foto markieren will. Was ändert sich also effektiv? Der Fotobesitzer braucht im Zweifelsfall nur auf den Namen zu klicken anstatt die ersten 2-3 Buchstaben seines Freundes einzutippen um dann auf den Namen zu klicken. Oh my god! Automatisierte Gesichtserkennung ist nichts Neues, Apple’s iPhoto hat schon lange genau dieses Feature. Hat sich auch keiner drüber aufgeregt.

Das wahre Problem, wenn man es als solches betrachtet, ist generell die Funktion, andere Menschen auf Fotos öffentlich zu markieren. Oder noch grundsätzlicher: Fotos von anderen Personen ohne deren Einverständniserklärung zu veröffentlichen. Darüber hat sich bisher aber kaum jemand aufgeregt. Im Gegenteil, es wird fleißig praktiziert. Zeit.de schreibt zur Gesichtserkennung: “Solche Verfahren sind umstritten, da die Betroffenen keine Kontrolle mehr darüber haben, wer sie wobei identifiziert.” Ähem, inwiefern hatten sie die vorher? Ich hatte noch nie Einfluss darauf, ob mich jemand auf einem Foto erkennt oder nicht.

Was eigentlich los ist

Die Debatte zeigt doch Folgendes: Die Leute merken, dass sie die Kontrolle verlieren, ja. Seit Jahren posten sie fleißig Fotos auf Facebook, markieren Leute, freuen sich markiert zu werden, es ist hip, es ist cool. Doch nun hören sie Worte wie ”automatisiert” und merken, in was für einer Maschine sie da hineingeraten sind. Ihnen wird durch die automatische Erkennung von Bildern bewusst, dass ihre Daten ohne ihr Zutun verwendet werden, zu welchem Zweck auch immer. Vordergründig bashen alle darauf ein, dass Facebook seine Analysetechniken jetzt auch als Feature anbietet, was in diesem Fall wie gesagt Schwachsinn ist, doch im Grunde geht es um die Angst, dass solche Techniken überhaupt existieren. Dass die eigene Identität zu einer Ware wird, mit der andere tun können was sie wollen.

Insofern geht es nicht um das aktuelle Feature, sondern um die Frage: Wo führt das hin? Mich wundert nur, dass diese Frage JETZT gestellt wird und nicht schon beim Posten und Taggen von Bildern.

P.S. Natürlich wird die Frage schon lange gestellt, es ist geradezu das Hauptthema in kritischen Facebook-Debatten. Aber die Sache wegen so einer Kleinigkeit aufkochen? Nunja, immerhin kommt die Kritik so auch bei den Usern an und sorgt vielleicht für einen etwas reflektierteren Umgang mit sozialen Netzwerken…naaah, just kidding. Ich besuch dann mal mein CityVille…

  • http://pixelspace.org/ Dan

    “Mich wundert nur, dass diese Frage JETZT gestellt wird und nicht schon beim Posten und Taggen von Bildern.”

    Richtig! Das trifft genau den Kern der Sache. Denn die automatisierte Analyse von Bilddaten, zu welchen Zwecken auch immer, ist lediglich die logische Weiterentwicklung der Annotation oder des Taggens. Demzufolge ist es imho ziemlich albern sich darüber aufzuregen. Viel lächerlicher finde ich aber die unzähligen Posts und Presseerklärungen, in denen “erklärt” wird wie man es ausstellen kann, was man faktisch vielleicht gar nicht kann.  @svensonsan:twitter  hat ebenfalls ausführlicher darüber gebloggt. Denn so wie es scheint, wird die Gruppierung und auch Erkennung dennoch vorgenommen und erst danach geguckt, ob man das möchte oder nicht. Was man ausschalten kann, ganz klar, ist die Benachrichtigung darüber, ob man das Gefühl haben möchte, erkannt zu werden.

    Denn wie mittlerweile auch bekannt wurde und was vielleicht nicht nur jedem Software-Entwickler im Vorfeld klar sein sollte, werden Auswertungsdaten (intern) schon seit längerer Zeit gesammelt. Wie sonst will man ein Rollout in dem Maße schaffen?

    Und wie Du selbst erwähnst, gibt es genug andere Dienste, die solche Technologien bereits seit Jahren nutzen und weiterentwickeln. Aber neben der ganzen rumweinerei um den Verlust von Privatsphäre oder auch Kontrolle sollte man sich lieber intensiver mit den Themen auseinandersetzen, oder mal einen Schritt weiter denken, als nur “HILFE, wie kann ich mich schützen?!” und damit meine ich keine dystopischen Überlegungen hin zum Überwachungsstaat, da gäbe es aktuell ganz andere, prekäre Beispiele. Im Übrigen, ich will jetzt nicht dafür argumentieren, lediglich ein Beispiel nennen, wäre es dem ein oder anderen sicher auch recht, wenn irgendwelche periphären Freunde Bilder von einem hochladen, ein System das dann erkennt und somit dem Recht am eigenen Bild entgegen kommt.

    P.S.: nettes Artikelbild :)

  • http://twitter.com/Doppelbinder Tom Hartig

    Genau meine Rede! Ich meinte gestern auch schon zu @lasseglotzen:twitter  dass man die Technik ja durchaus als Kontrollfeature zum Schutz der eigenen Privatsphäre einsetzen könnte: Was, da hat jemand ein Bild von mir hochgeladen? Einspruch! Danke für den Hinweis, liebes Facebook! 

    Die Frage ist jetzt, warum Facebook das noch nicht gemacht hat? Vermutlich, weil die Technologie eben noch sehr unausgereift ist und man viele Falschmeldungen bekommen würde. Sven Dietrich hat das unter http://www.pop64.de/blog/2011/06/08/das-ist-die-automatische-gesichtserkennung-auf-facebook/ ganz gut gezeigt.