Tocotronic – Schall & Wahn

51wjS4zEq2L

Ich bin verliebt. In die Töne. In Tocotronics neues Album „Schall und Wahn“. 9/10 gut und gerne. Ich habe eine Weile daran gedacht, jeden Song hier in Moosbett auseinander zu interpretieren. Doch im Grunde verweigern sich die Lieder wie so oft zuvor eindeutigen Zuordnungen. „Schall und Wahn“ setzt die Richtung fort, die die Band seit K.O.O.K. eingeschlagen hat: Romantische Poesie verbunden mit musikalischem Exzess. Alles ist irgendwie zu groß, um erfasst zu werden. Kitschig und doch schön. Testosteron könnte nicht weiter entfernt sein.

Interessanterweise tauscht das Album mit „Kapitulation“ die Rollen. Während ich dort die Texte sehr einladend und die Musik zu Weilen etwas abweisend empfand, mag ich mir hier weniger Gedanken um einen übergeordneten Sinn hinter dem (wunderschön) Gesungenen machen und einfach den Klang genießen. Das geht schon mit dem mächtigen Opener „Eure Liebe tötet mich“ los, was man gut und gerne als „Hi Freaks“ 2 verstehen kann, quasi eine direkte Anrede an den Fan(atiker). Da bildet sich gegen Ende des 8Minüters ein so unglaubliche Klangsturm, es zieht einem die Socken aus. Ähnlich davontragend ist auch das Ende des Albums, wo das süße „Gift“ von Geigen verabreicht wird.

D6A884B76381D811B3E4594AC7B22Neben den „üblichen“ tollen Liedern im Tocotronic-Stil stechen 3 Lieder heraus: „Stürmt das Schloss“ ist das „Sag alles ab“ von „Schall und Wahn“, schnell, kurz, aggressiv. Die Abkürzung SDS wird immer wieder auf die gleichnamige Studenten-Gruppe aus den 60ern bezogen, funktioniert aber im Liedkontext mit dem durch das Textheft beigefügte D ebenso als Aufruf an alle Castingverlierer, ihre eigene Band zu gründen. „Im Zweifel für den Zweifel“ ist eine ausschließlich von Akustik-Gitarre vorgetragene Absage an alle Sicherheiten. „Bitte oszillieren Sie“ (zwischen den Polen Bumms und Bi) ist dann ein einziger (toller) Witz. Es macht den tocotronischen Humor aus, im Dschungel von Philosophie und Querverweisen auch mal albern zu sein: Ping Pong ohne Hierarchie! Es versteht sich von selbst das wie so oft mit „Macht es nicht selbst“ das schlechteste Lied zur Single-Auskopplung herangezogen wurde.

Natürlich können Kritiker wieder das gleiche sagen wie immer: Arrogante Künstlerschnösel, die zusammenhangslose Wortfetzen ausspucken. Und diese Frisuren! Und dieses schwule Gejammer! Muss ja nicht jeder mögen. Und wozu sich für seinen Musikgeschmack verteidigen? Alles hat seinen Wert für irgendjemanden. Egal ob das nun Lady Gaga für einen Teenie ist oder diese unzugänglichen Herren von Tocotronic für mich. „Schall und Wahn“ wird mich wieder einige male durch die Straßen begleiten und jeden Song in verschiedenen Situationen anders interpretieren lassen. Musik und Text, die die Gedanken anregen und neue Standpunkte zur Welt veranlassen, darauf kommt es doch vor allem an. Man muss sich ja an nichts klammern, da oszilliere ich doch lieber.

Muse: The Resistance

muse-the-resistanceMuse sind zurück, das neue Album nennt sich „The Resistance“. Mein Verhältnis zur Band ist wie ihr Stil: ziemlich ambivalent. Man könnte sagen, Muse haben das Genre New Prog gerade zu mitbegründet. Ihr Durchbruch Origin of Symmetry war geradezu bombastische Tragik, ein Weltuntergang aus Chaos und Klavier, irgendwie nicht von dieser Welt. Ich habe das daher immer gerne Space Rock genannt. Das letzte Album, Black Holes and Revelations, hat dann ziemlich die Gemüter gespalten: Die einen freuten sich, dass Muse sich eher poppigeren, zugänglicheren Strukturen geöffnet haben. Es gab weniger Brüche, der Sound war von undurchschaubaren Verzerrungen befreit, wurde zunehmend elektronisch dominiert. Andere verurteilten diese Simplifizierung. Wo war das Geniale, das Übermenschliche geblieben? Musik, die einen träumen lässt und sich zugleich wie ein wildes Tier den Gehörgängen zu entziehen versucht? Ich fand die alten Alben bewundernswert, hatte aber immer mehr Spaß mit Black Holes and Revelations. Auch wenn das ab und zu wieder zu simpel war und ich mich dann lieber vom Chaos überwältigen lies.

The Resistance ist das fehlende Bindeglied zwischen der Vergangenheit und der Zukunft, und bietet trotzdem eine eigene Qualität. Man könnte auch sagen, Muse wollen es allen Recht machen. Für die Dancefloors gibt es die erste Singleauskopplung Uprising, bei der der Titel Programm ist und somit einen guten Einstieg ins Album bietet.

Das Titelstück Resistance kombiniert ein sphärisches Klavier, queen-artige Chöre und Bombastrock. Ein gutes Beispiel für das ganze Album: Jeder kriegt seins und muss sich fragen, ob es mit dem Rest harmoniert. Undisclosed Desires kommt komplett ohne Gitarren daher und wirkt, als wollten Muse mal ein RnB-Song aufnehmen. Daher kommt das Ganze etwas eintönig daher, auch wenn der Sound angenehm brutzelt und von einem Ohr zum anderen wandert. Muse haben hier erstmals ihr Album selbst produziert und die Liebe zur klanglichen Perfektion ist dem ganzen Album anzuhören.

Wer nach diesem kleinen Durchhänger die Deckung fallen lässt, ist den United States of Eurasia hilflos ausgeliefert. Das entführt uns zunächst mit einem intimen, hollywoodschen Klavier in die 50er Jahre, überrascht uns wieder mit Queen, geht in ein bombastisches Oriental über (Lawrence of Arabia, I‘m loving it!), bringt ein imaginäres Stadion zum Mantraruf „EuraSIA!“ um sich schließlich zu einem Klavierstück von Chopin zu beruhigen und von Disney-esken Chören nach Hause gebracht zu werden. Großes Kino!

Es folgt die Hymne Guiding Light. Die klingt leider ziemlich gewollt, erinnert stark an U2 und dümpelt viel zu lange ohne Abwechslung vor sich hin. Wie ein Starlight ohne die hookige Melodie. Ich weiß nicht, ob es am enttäuschenden Guiding Light liegt, aber Unnatural Selection haut mich dann wieder von den Socken. Von Anfang an prescht der Groove los wie zu besten New Born Zeiten. Gerade wenn man meint, es fehle an Abwechslung, nimmt der Song das Tempo heraus und eine schwer atmende Gitarre quält sich durch das Nichts und wird von Matthew Bellamy langsam zur ewigen Ruhe gesungen. Und dann, wenn alles schläft, prescht wieder dieser Groove nach vorne, Bellamy fordert: I want the truth! Und ein fast schon zu böse klingendes Riff macht den Deckel zu. Fein fein!

MK Ultra präsentiert sich als ziemlich bedeutungslos. Es hört sich komplett nach Muse an, hat aber kein einziges, originelles Element. Der Sounds brutzelt wieder angenehm, aber gerade auch das gewollt kraftvolle Ende ist gerade dies nicht. Muss man nichts zu sagen. I belong to you (mon cœur s’ouvre à ta voix) ist nicht spektakulär, aber sympathisch. Das Klavier entführt uns diesmal subtil nach Sizilien, ein Blubberbass klettert schelmisch die Tonleiter rauf und runter, während wir uns langsam vom Lagerfeuer wegbewegen und zu einem Tänzchen unter dem Sternenzelt wechseln. Bellamy gibt sich redlich Mühe seine Stimme zu dehnen, während sein angenehmes Vibrato langsam Gesellschaft von einer leisen Oboe bekommt, die uns wieder an das Lagerfeuer zurückführt. Höfischer Ball und mediterrane Folklore: Eine ungewöhnliche, aber funktionierende Kombination.

Wir kommen zum sinfonischen Abschluss des Albums, nämlich zur dreigeteilten Symphonie Exogenesis. Die Overture erinnert zunächst an Synthie-Experimentierlaune, wird dann aber auch wieder von der dreckigen Gitarre in den wilden Westen des Andromedanebels entführt. Das hat schon bei Knights of Cydonia funktioniert und kommt diesmal subtiler daher. Nett. Cross-Pollination lässt uns teilhaben, wie ein Klavier einen Vogel durch das Weltall begleitet, er steigt in Planetentäler hinab, umrundet Sternennebel und gerät urplötzlich in den Gerichtshof des intergalaktischen Rates: Hier geht es um nicht weniger als das Schicksal des Universums: Spread our codes to the stars / You must rescue us all / Tell us / tell us your final wish / We will tell it to the world. Wie erfahren nicht, wie die Entscheidung ausfällt, der Klaviervogel entführt uns wieder in die Weiten des Alls. Redemption ist das Ende und ist der Neubeginn. Jede Taste des Klaviers schlägt Wellen, breitet sich aus in Raum und Zeit. Streicher erwachsen aus dem Nichts, werden lauter.

Let’s start over again 
Why can’t we start it over again?
Just let us start it over again
And we’ll be good 
This time we’ll get it… 
We’ll get it right
It’s our last chance to forgive ourselves

Langsam tragen die Streicher das Klavier hinfort.

Ich mag das Album. Auch wenn einige Songs nur durchschnittlich sind für Muse, so kombinieren sie doch die Dinge aus Origin of Symmetry und Black Holes and Revelations die ich mochte und lassen das weg, was ich weniger mochte. Die Songs wühlen einen auf, lassen einen in einem Moment die Fäuste in den Himmel strecken und im anderen wohlig die Augen schließen und träumen. Inspirierend. Pure Muse.

Pro.

Neue Green Day Single

Punk Rock scheint tatsächlich ein Altersphänomen zu sein. Als Teenager genießt man die rebellische Attitüde, die trotzdem mit jede Menge Spaß verknüpft ist und meist weichgespült genug, um trotzdem leicht ins Ohr zu gehen. Mitsingen kann jeder, wenn laut genug aufgedreht wird. Dann fängt man (hoffentlich) irgendwann an, seinen musikalischen Horizont zu erweitern, schnuppert in komplexere Musikformen oder stöbert zumindest abseits des Geschmacks der Clique oder der *keuch* Charts.

Das heißt nicht, dass man Punk Rock mit zunehmenden Alter automatisch schlecht finden muss. Ein guter Song bleibt ein guter Song. Aber es ist ein Unterschied ob man so etwas fabriziert, oder einfach nur das Genre mit 08/15-Songwriting bedient. Ich rede von der Single-Auskopplung des kommenden Albums “21st Century (edit:)Breakdown” von Green Day: “Know Your Enemy”. Die Big-Brother-Überwachungsstaat-Anklage mag für die junge Zielgruppe seine Daseinsberechtigung haben, bestimmte Thematiken sollte man ja jeder neuen Generation nahebringen, egal wie alt das Thema ist. Aber das Lied hat vom Musikalischen her wirklich gar nichts zu bieten…Strophe und Refrain sind fast nicht zu unterscheiden, fast jede Zeile des Liedes klingt gleich, die Bridge kommt wo sie kommen muss und ist absolut uninspiriert und irgendwie von den eigenen Songs zusammengeklaut?

Ein Erfolg wird es wohl trotzdem wieder werden, weil radiotauglich und Bombast-Rebellentum und so. Punk und Charts lassen sich halt doch verbinden. Was Nickelback dem Rock, das ist Green Day dem Punk Rock. Klar, das American Idiot Album und einige andere Songs fand ich klasse, aber die waren auch besser und ich jünger. Vielleicht bin ich “einfach zu alt für diesen Scheiß”:

Kontra.

Alt und gewohnt

Was ist eigenlich aus dem Emo-Bashing geworden? Ist die neue Jugendkultur schon wieder so gewönlich, dass man nicht mehr darüber spricht? Ist alles gesagt? Oder geht es nur mir so? Befinden wir uns grade in so einer Zwischenphase bevor die neueste Verrücktheit der jüngsten Generation aufkommt? Wenn der Trend der Trends wie gewohnt weitergeht, dürfte es diesmal die 9-11-Jährigen treffen. Und wann kommt eigentlich das neue Linkin Park Album kommen eigentlich die ersten Emo-Hop-Bands, wo doch kleine Emomädchen immer so gern mit Hoppern zusammen sind? Aber vermutlich hab ich da keine Ahnung von, so als alter Knacker.

Polarkreis 18 in Concert

20.02.09 Factory Magdeburg – Ich war dabei. Ich bin nicht unbedingter Fan von Polarkreis 18, kannte nur von 1-2x hören ihr erstes, selbstbetiteltes Album und hatte mitbekommen, dass diese eigentliche Indie-Pathos-Band wie ausversehen auf Platz 1 der deutschen Charts gelandet ist, Stichwort “Allein Allein“. Nun traute ich mich im Vorfeld schon kaum zu erzählen, dass ich auf ein Konzert dieser Band ginge, immerhin galten sie, auch gerade nach dem zweiten Platz beim Bundesvision Song Contest, als Bravo-Hype. Ich wurde mit großen Augen angeguckt und für eins der tausenden 14-jährigen Emomädchen gehalten, die ich beim Konzert auch zu treffen fürchtete.

Weiterlesen

Bundesvision Song Contest 2009

Wiedereinmal jährt sich Stefan Raabs Gegenentwurf zum Eurovison Song Contest aka Grand Prix de Eurovision de Chanson. 16 Bundesländer, 16 Bands und jede Menge gute Stimmung. Muss auch, schließlich hat man die Sendung lieber auf Freitag den 13. gelegt statt auf den Valentinstag. Weshalb auch viele verwundert waren, warum denn so eine typisch Samstagabendshow nicht am Samstagabend lief.

Ich geb zu, ich hab erst bei der Hälfte eingeschaltet, Schillerstraße war dann doch irgendwie interessanter. Erster Beitrag: “Fotos” (mein erstes Live-Konzert! Naja, sie waren Vorband). Klang flach, was aber eher am Sound als am Lied lag. Die nächsten Bands wurden leider nicht besser, von einigen Lichtblicken wie Polarkreis 18 und Peter Fox mal abgesehen. Was mich zu drei Haupteindrücken des gestrigen Abends bringt:

Weiterlesen