Braid

Das tolle an Videospielen ist die Kontrolle, die der Spieler über das Geschehen hat. Kontrolle, die einem im richtigen Leben oftmals fehlt. Zum Beispiel über die Zeit. Physikalische Gesetze werden zwar in Games seit Ewigkeiten gebogen und gebrochen, Dimensionen werden munter gewechselt, Bäume ausgerissen etc., doch seltsamerweise hat sich an das Zeitkonzept bisher kaum ein Entwickler herangetraut. Erinnern kann ich mich gerade nur an das relativ junge „Prince of Persia: The Sands of Time“ (ein paar Jährchen sinds dann doch schon). Dort hielt sich die Originalität jedoch auch in Grenzen, man konnte lediglich das Spielgeschehen zurückspulen oder die Zeit verlangsamen. Letzteres war auch das Hauptfeature von „Max Payne“, quasi ein Game Noir mit Matrix-Feeling. Das waren zwar „coole“ Features, beeinflussten aber das Gameplay nur unwesentlich. Man konnte auch komplett darauf verzichten. Ganz anders im folgenden Schmuckstück:

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Die Story beginnt augenscheinlich als simple „Held rettet Prinzessin vor bösem Monster“-Geschichte, doch entwickelt sich zunehmend immer cleverer zu einer großen, psychologischen Parabel. So durchlebt die Hauptfigur Tim in jeder Welt einen gewissen Gemütszustand, welcher sich im Design und Gameplay des jeweiligen Abschnitts manifestiert. Bis schließlich am Ende der Anfang der ganzen Geschichte steht und diese völlig auf den Kopf stellt. Was genau das Ende bedeutet, steht dabei frei zur Interpretation.

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Der Form nach ist Braid ein Jump‘n‘Run, mit dem Haken, dass es nicht ums Überleben geht oder gar schnelle Reflexe. Eigentlich ist es nämlich ein Puzzlespiel, dass ohne vertrackte Logik nicht zu lösen ist. Die Rätsel erfordern das geschickte Einsetzen von allen Möglichen Formen von Zeitmanipulationen. Man kann die Zeit so oft man will vor- bzw. zurückspulen. Das erspart nicht nur nerviges Wege-Zurücklegen (z.B. wenn man mal von einer Plattform fällt), sondern macht es auch unmöglich, endgültig zu sterben: Keine Anzahl von Leben, kein Wiederholen des Levels. Wenn etwas nicht geklappt hat, versucht man es sofort noch mal anders.

Der Witz an der Sache ist nun, dass manche Objekte von der Zeitmanipulation unbehelligt bleiben. Man kann also durch geschicktes Bewegen und Zeitspulen die Synchronität der Dinge verändern um das Ziel zu erreichen. In einigen Levels bewegt sich die Zeit nur vorwärts, wenn man nach rechts läuft. Sobald man nach links läuft, läuft auch die Zeit wieder zurück, inklusive Gegner, die man eigentlich schon erledigt hatte. Durch das Überwinden von Höhenunterschieden und dem Einsatz der zeitunempfindlichen Objekte kann man sich dies zu Nutze machen. In anderen Levels kann man zurückspulen, doch im Anschluss führt eine Schattenversion des Spielers die rückgängig gemachte Aktion nochmals aus. Dies ermöglicht es, mehrere Dinge zur gleichen Zeit zu tun. Und dies sind noch nichtmal alle Features, die im Laufe des Spiels zur Verfügung stehen…

braidErwähnenswert ist neben dem genialen Gameplay auf jeden Fall das unglaubliche Design von Braid. Alles sieht aus wie gemalt, als bewege man Gemälde. Die Musik ist sanft und geht einem auch dann nicht auf die Nerven, wenn man mal länger an einem Rätsel sitzt. Insgesamt fühlt sich Braid erstaunlich wie ein Märchen an, ohne dabei kindlich oder naiv zu wirken.

Braid ist ein Paradebeispiel dafür, dass ein Spiel keine immense Entwicklungsmaschinerie und Millionen von Dollar und hyperrealistische Grafik haben muss, um Spaß zu machen. Das Ganze ist vergleichbar mit der Filmindustrie: Die Blase des pompösen Tamtams bläst sich immer weiter auf bis sie keinerlei Gehalt mehr besitzt. Schließlich kommen kleine, individuelle Künstler und bringen mit ihrer Kreativität alles zum platzen (bis sie das Seifenwasser der neuen Blase werden…). In diesem Fall stammt Idee und Programmierung des Spiels von einer einzigen Person, Jonathan Blow. Er schuftete 3 Jahre lang an Braid, erarbeitete zusammen mit David Hellman das Aussehen und erntete schließlich hohes Lob von Spielern und Kritik und erntete zahlreiche Auszeichnungen. Völlig zu Recht!

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15$ kostet Braid, eine kostenlose Demo ist für PC, Mac und Linux erhältlich. Es gibt die Kritik, das Spiel sei zu kurz um den Preis zu rechtfertigen. Ich denke jedoch, dass man sich so oder so dieses innovative Spielerlebnis nicht entgehen lassen sollte. Besser, als sich den x-ten Ego-Shooter zu holen ist es allemal.

Pro.

22. Mai 2009 von Moosbett
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