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Eine Mauer

Ein Student entwickelt im Laufe eines Jahres für die Uni ein Spiel. Es heißt 1378 (km), ist ein Ego-Shooter bei dem man entweder DDR-Flüchtling oder Grenzer ist. Die Flüchtlinge versuchen die Mauer zu überwinden. Der Grenzer will das verhindern. Erreichen will der Student damit, dass sich Jugendliche mit der Mauergeschichte auseinandersetzen. Nun regen sich Politiker, Opferverbände etc. darüber auf, empfehlen teilweise sogar der Staatsanwaltschaft Klage wegen Gewaltverherrlichung einzureichen. Die Uni nimmt ihn in Schutz. Soweit der Hintergrund.

Ein Ballerspiel, dass lehrreich sein kann? Allein der skeptische Ton, den wir uns an dieser Stelle einfach mal denken, ist ein Zeichen für die Ignoranz einiger Menschen. Menschen, deren Weltbild sich seit den 50ern nicht verändert hat. Die Dinge, die sie nicht verstehen, verurteilen. Dabei ist es egal, ob es sich um Bücher, Comics, Filme, Internet oder Videospiele handelt.

Der Gedankengang: Es ist ein Spiel (Schlagwort! Es ist „nur“ Unterhaltung“, nicht „produktiv“, nicht „wertvoll“), dass es ermöglicht, auf wehrlose Menschen zu schießen. Man kann müde werden schon an dieser Stelle einzuhaken und zu schreien: Das ist in der realen Welt auch möglich. Die Frage ist, ob man es tut und was für Konsequenzen das hat. Der konkrete Aufreger in diesem Fall: Das Spiel hat ein reales, geschichtliches Setting (was eigentlich häufig der Fall ist), eben den Todesstreifen der Mauer. Argument der Gegner: Opfer werden verhöhnt, die Taten verharmlost (Spiel! Spiel! Spiel!). An dieser Stelle sei erwähnt, dass niemand der Kritiker bisher das Spiel auch nur live gesehen hat.

Das Ärgerliche ist, dass es sich (scheinbar) gerade bei 1378 (km) endlich mal um ein Spiel handelt, welches eben reflektierter mit seinen Inhalten umgeht: Der Grenzer hat die Wahl, ob er auf den Flüchtling schießt, ihn verhaftet oder laufen lässt. Und das Schießen wird mit einer Wartezeit bestraft, während derer er sich im Jahr 2000 einem Prozess zu verantworten hat. Wo hier Gewalt verherrlicht wird, erschließt sich mir nicht. Genau das Gegenteil ist der Fall: Der Spieler wird durch die Ego-Perspektive direkt nachvollziehbar in diese schreckliche Situation gebracht und muss sich mit seinen Entscheidungen auseinandersetzen. Das ist m.E. sehr viel anregender und wirkungsvoller als ein Text in einem Geschichtsbuch oder eine schlecht umgesetzte Museumsführung. Die Kritiker reden von bedienten „niederen Instinkten“, kämen aber nie auf die Idee, Spiele wie Volleyball zu verbieten. Was sie nicht verstehen ist, dass hier Äpfel mit Birnen verglichen werden: Der „Spaß“ kommt nicht durch das Töten von wehrlosen Menschen (wenn überhaupt: Symbole dafür), sondern durch das spielerische Treffen von Zielen durch Reflexe, Taktiken etc.. Das Setting dient nur dazu, das Ganze interessanter und diesem Fall informativer zu gestalten. Man verknüpft eben Spaß mit geschichtlicher Aufklärung. Das eine sorgt für die dringend notwendige Motivation sich mit der Sache zu beschäftigen, das andere ist das, was man vermitteln will. Dass die dabei vermittelten Inhalte sehr ernst sein können, ist für mich kein Widerspruch.

P.S.: Ich lese gerade, dass die Bildzeitung wohl über das Spiel in gewohnter Weise hergezogen ist. Ne echte Überraschung ist das nicht. Polemisches Mistblatt, elendiges.

P.P.S.: Nein, ich habe es auch noch nicht gespielt. Ist derzeit auch nicht möglich, soweit ich weiß. Die Veröffentlichung wurde durch das Medienecho verzögert. Es geht mir auch nicht darum zu sagen, das Spiel sei toll. Es geht darum, dass viele Leute grundsätzlich das Medium Computerspiel unterschätzen und auf sinnlose Bespaßung reduzieren und dabei gleichzeitig seine Potentiale ignorieren. Und das hier ist ein gutes Beispiel dafür.